von Stefan Lüke*, 7. Juli 2026
Die jüngste Veröffentlichung des Implementierungsplans durch die Europäische Zentralbank (EZB) macht deutlich: Das „Integrated Reporting Framework“ (IReF) kommt trotz Verschiebung und wird zur Grundlage des Meldewesens der Zukunft.
IReF steht für einen grundlegenden Wandel des Meldewesens. Es umfasst nicht nur die Anpassungen einzelner Meldungen, sondern erfordert Veränderungen in der gesamten Organisation sowie in der Art, wie Daten erfasst, verarbeitet und gemeldet werden. Damit geht es über punktuelle Maßnahmen hinaus und macht eine ganzheitliche Betrachtung von Daten, Prozessen und IT-Architektur erforderlich. Die Verschiebung der Erstanwendung durch die EZB sollte nicht als einfacher Aufschub interpretiert werden, sondern als Momentum, um die Transformation strukturiert und strategisch anzugehen. Insbesondere auch vor dem Hintergrund, dass IReF keinen One-Size-Fits-All-Ansatz liefert, sondern die Umsetzung institutsindividuell erfolgen muss und deshalb eine detaillierte Analyse der Optionen erfordert.
Erfahrungen aus vergleichbaren regulatorischen Vorhaben zeigen, dass insbesondere Themen wie Datenharmonisierung, Architekturentscheidungen und Governance-Strukturen lange Vorlaufzeiten erfordern. Institute, die diese Phase aktiv nutzen, können ihre Ausgangssituation gezielt verbessern, indem sie frühzeitig eine klare strategische Ausrichtung entwickeln und so die Grundlage für eine nachhaltige und effiziente IReF-Umsetzung schaffen.
IReF ist eine Initiative des Europäischen Systems der Zentralbanken zur Vereinheitlichung des statistischen Meldewesens. Ziel ist es, die heute häufig fragmentierten und heterogenen Anforderungen in den einzelnen Ländern wie beispielsweise unterschiedliche Datendefinitionen, Meldeprozesse und Berichtsfrequenzen durch ein integriertes Framework zu harmonisieren. Im Zentrum steht dabei ein klarer Paradigmenwechsel: Statt aggregierter Meldebögen sollen künftig granulare Datenpunkte bis auf Einzelgeschäftsebene direkt an die Aufsicht übermittelt werden. Das Prinzip „Define once, report once“ der EZB steht sinnbildlich für den Anspruch, Redundanzen zu reduzieren, Konsistenz zu erhöhen und die Datenbasis für regulatorische Auswertungen nachhaltig zu verbessern.
Mit dieser Transformation steigt die Bedeutung der permanenten Verfügbarkeit hochwertiger granularer Daten deutlich. Aufgrund dieser Tatsache rückt deren Verlässlichkeit in den Fokus und gewinnt strategische Relevanz, da die Datenqualität von Beginn an sichergestellt sein muss. Strategische Datenqualität bedeutet, ein klar definiertes Zielniveau für die Datenqualität festzulegen und durch neue oder erweiterte Governance, Rollen, Standards und Prozesse sicherzustellen, dass die Organisation langfristig IReF‑konforme, also vollständige, nachvollziehbare und konsistente Daten liefert. Diese Fähigkeit wird nicht nur für die Einhaltung regulatorischer Anforderungen entscheidend sein, sondern bildet auch die Grundlage für die interne Steuerung und strategische Weiterentwicklung.
Vor dem Hintergrund globaler Entwicklungen gewinnt Europas digitale Souveränität zunehmend an Bedeutung. Basierend darauf ist geplant, IReF in einer europäischen Cloud umzusetzen, um die technologische Eigenständigkeit angesichts wachsender geopolitischer Risiken zu sichern. Das zeigt, dass IReF über klassische Meldefragen hinausgeht. Es geht nicht nur um eine granulare Datenmeldung, sondern auch darum, auf welcher Infrastruktur, in welcher Standardisierungstiefe und mit welchen Abhängigkeiten Daten zukünftig an die Aufsicht übermittelt werden und wie diese Daten effektiv vor dem Zugriff Unberechtigter geschützt werden können.
Ein zentraler Hebel ist die Rolle von IReF als Grundlage für den wirkungsvollen Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI). Standardisierte Datenmodelle und klar definierte Datenpunkte bilden die Grundlage für Automatisierung und datengetriebene Analysen mit Hilfe von KI. Insbesondere im Bereich der Verarbeitung und der Qualitätsprüfung von Daten eröffnen sich dadurch neue Möglichkeiten, manuelle Aufwände zu reduzieren und Prozesse effizienter zu gestalten. Damit entsteht aus einem regulatorischen Treiber zugleich ein Innovationstreiber.
Da IReF – wie oben erläutert – in vielerlei Hinsicht (Daten, Technologie usw.) von strategischer Bedeutung ist, ist die Umsetzung nicht ohne erhebliche Herausforderungen.
Neues Meldekonzept: IReF-bezogene Meldeanforderungen sollen zentral und inklusive aller ausländischer Niederlassungen erstellt werden. Die einzelnen Niederlassungen sind lediglich für die Meldung jener Daten verantwortlich, die landesspezifisch nicht unter die einheitlichen IReF-Anforderungen fallen. Dies erfordert eine grundlegende Datenharmonisierung auf granularer Ebene sowie eine semantische Integration des bestehenden meldungsspezifischen Datenmodells über die gesamte Gruppe. Außerdem wird es notwendig, dass Organisationen die Kompatibilität ihrer gruppenweiten IT‑Architektur prüfen und ggf. Altsysteme durch neue, flexiblere Technologien und Cloud‑Speicherlösungen ersetzen – einschließlich der Prüfung des Ersatzes proprietärer Meldesoftware für das regulatorische Reporting durch selbst entwickelte Lösungen.
Gleichzeitig verschiebt sich die Verantwortung stärker an die Quelle. Dadurch verändern sich Abläufe und Rollenbilder innerhalb der Organisation, sodass Meldewesen-Spezialisten künftig vermehrt als Product Owners (z. B. Derivate, Kredite, Personenstammdaten) agieren, um die Datenqualität je nach Quelle zu überwachen und zu verbessern.
Diese strukturellen Veränderungen erfolgen in einem Umfeld, das weiterhin von regulatorischer Unsicherheit geprägt ist und hohe Anforderungen an Flexibilität stellt. Gleichzeitig führt der erhebliche zeitliche Aufwand der Umsetzung zu zusätzlicher Komplexität: Durch iterative Implementierung sowie Pilot‑ und Parallelphasen verlängert sich der Gesamtprozess deutlich, während insbesondere Test- und Parallelaktivitäten temporäre Doppelstrukturen schaffen und damit zu zusätzlichen Belastungen im laufenden Betrieb führen.
IReF steht für einen grundlegenden Wandel im regulatorischen Reporting. Für Banken bedeutet das, regulatorische Anforderungen nicht isoliert zu betrachten, sondern sie mit einer langfristigen, strategischen Perspektive auf ihre Daten zu verbinden. Die Verschiebung des Zeitplans verändert dabei nicht das Zielbild, sondern eröffnet die Möglichkeit, die Transformation vorausschauend und strukturiert umzusetzen. Institute, die dieses Zeitfenster aktiv nutzen, können ihre gruppenweiten Datendefinitionen harmonisieren, ihre Datenarchitektur modernisieren, Governance-Strukturen und Rollenbilder schärfen und die Datenqualität nachhaltig verbessern. Damit schaffen sie nicht nur die Grundlage für regulatorische Compliance, sondern auch für effizientere Prozesse, bessere Entscheidungsgrundlagen und langfristige strategische Wettbewerbsvorteile. Insgesamt zeigt sich, dass IReF nicht nur eine technische Transformation ist, sondern eine umfassende organisatorische Neuausrichtung erfordert, die eine bereichsübergreifende Abstimmung und ein klares Zielbild voraussetzt.
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*Dies ist ein bezahlter Gastbeitrag von EY, wo Stefan Lüke als Director im Bereich FSO Financial Accounting Advisory Services tätig ist. Aktuelle Entwicklungen zum Thema finden Sie auch unter IReF/BIRD Implementierung: Paradigmenwechsel in der regulatorischen Berichterstattung | EY – Deutschland
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