Analyse

Sechs Erkenntnisse zu den Q1-Zahlen der Deutschen Bank

27. April 2022

Von Christian Kirchner

Nun haben also innerhalb von 13 Stunden sowohl die Deutsche Bank (siehe unseren gestrigen Live-Blog) als auch die Commerzbank (siehe hier) Zahlen fürs erste Quartal vorgelegt. Doch sind wir jetzt schlauer, als wir’s vorher waren?

Nur mal die naheliegendsten Fragen:

  1. Wo, um alles in der Welt, kommt bei der Coba jener Ertragszuwachs her, der uns gestern Früh die Fachbegriffe “sensationell” und “irre” verwenden ließ?
  2. Warum finden sich bei der DeuBa nicht einmal im Entferntesten vergleichbare Effekte?
  3. Wofür braucht die gelbe Bank, deren Russland-Exposure doch als “überschaubar” galt, fast 500 Mio. Euro Risikovorsorge, wenn die mit einer zweieinhalb mal so großen Bilanzsumme gesegnete blaue Bank mit 300 Mio. Euro auskommt und die Prognose für die Risikokosten 2022 nur minimal von 20 auf 25 Basispunkte erhöht? Und …
  4. … wenn bei “Bank C” die Kennziffern in alle Richtungen meilenweit vom Konsens abweichen (der Konsens unterm Strich gleichwohl deutlich geschlagen wird), während “Bank D” den Konsens mit ihrem Zahlenwerk grosso modo fast punktgenau trifft – warum machen Investoren dann fast keinen Unterschied zwischen den beiden Instituten? Denn, zur Einordnung: Mit minus 8,3% bzw. minus 10,7% kamen sowohl die Coba (also die “Bank C”) als auch die DeuBa (also die “Bank D”) auf Sicht der zurückliegenden 48 Stunden mächtig unter die Räder …

Kurzum: Die vierte Frage lässt sich vermutlich dahingehend beantworten, dass der Kapitalmarkt den geopolitischen Schlamassel dieser Tage sehr viel höher gewichtet als die Hoffnungen auf eine echte Zinswende – und eine einzelne Bank gegen dieses “Big Picture” eh nicht ankommt. Was nun die übrigen Fragen angeht: Bei der Coba muss man möglicherweise einfach warten, bis am 12. Mai das komplette Zahlenwerk veröffentlicht wird. Bei der Deutschen Bank hingegen – liegen seit gestern sämtliche Angaben zum ersten Quartal vor. Hier unsere Analyse:

1.) Die Zeit der Bereinigungen und Sondereffekte ist vorbei (!)

Seit Verkündung ihrer 2022er-Ziele vor drei Jahren gleicht die Analyse der Deutsche-Bank-Quartalszahlen regelmäßig einem Waten durch Morast:

  • Kosten wurden bereinigt um Aufwendungen für den Konzernumbau.
  • Das Ergebnis wurde bereinigt um die zeitweise hochdefizitäre interne “Bad Bank”.
  • Hie und da lugten immer wieder fette Einmalerträge hervor.

Inzwischen sind weit mehr als 90% der Umbau- und Restrukturierungskosten verbucht, insofern spiegeln die vorgelegten Zahlen (endlich) die tatsächliche Ertragskraft wider. Bei den Erträgen betrug die Differenz zwischen tatsächlichen und bereinigten Erträgen im Q1 gerade mal noch 2 Mio. Euro, bei den Kosten waren es 39 Mio. Euro.

Das hält die Deutsche Bank zwar nicht von kreativen Hochrechnungen ab (wie zum Beispiel der, wie die Nachsteuerrendite der “Kernbank” ausgefallen wäre, wenn sie die Bankenabgaben gleichmäßig über alle vier Quartale verteilt gezahlt hätte, statt sie bereits jetzt in voller Höhe, für das gesamte Jahr, zu verbuchen).

Aber geschenkt: Unter dem Strich stehen für die Deutsche Bank 1.060 Mio. Euro Nettogewinn zu Buche, ein Ergebnis, von dem man in den fünf Verlustjahresn in Folge 2015 bis 2019 nur träumen konnte. Und: die Eigenkapitalrendite betrug 8,1%, mithin der Wert, den die Bank 2019 als Ziel für das Gesamtjahr 2022 ausgerufen hatte.


2.) Die große Wende beim Zinsüberschuss lässt auf sich warten

Zuletzt schienen hiesige Banken beim Zinsergebnis das Tief Mitte 2021 durchschritten zu haben:

  • Die Commerzbank zum Beispiel steigerte ihren Zinsüberschuss im Q4 um 13% und im ersten Quartal dieses Jahres sogar um unwirkliche 12%.
  • Die Aareal Bank sprach Mitte Februar mit Blick aufs vierte Quartal von einer “noch nie dagewesenen Dynamik” (Zinsüberschuss: +17%)
  • bei der Hypo-Vereinsbank (also im Deutschland-Geschäft der Unicredit) betrug das Plus im Q4 beim Zinsüberschuss 29% zum Vorjahresquartal

Entsprechend hoch waren insgeheim die Erwartungen an die Deutsche Bank. Nun ist das Geschäftsmodell des größten deutschen Geldinstituts zwar bekanntermaßen nicht ganz so zinssensitiv. Gleichwohl enttäuscht ein Plus von nur 3% zum Vorjahresquartal doch sehr. Zumal zum Vorquartal sogar nur Minus von 2% zu verzeichnen war.  Zurück ging zudem die Nettozinsmarge – auf 1,19% (nach 1,22% im Vorquartal und 1,23% im Vorjahresquartal).

Von den mächtigen Zugewinnen anderer Häuser beim Zinsergebnis ist die Deutsche Bank ein gutes Stück entfernt. Doch wer weiter hoffen mag, der findet durchaus Indizien, dass die Entwicklung trotz aktuell mauer Zahlen auch bei ihr in die richtige Richtung geht:

  • Der Zinsüberschuss der Unternehmensbank stieg sowohl zum Vorjahr als auch zum Vorquartal um 10%.
  • Die Erträge aus Negativzinsen beliefen sich auf 139 Mio. Euro, ein Plus von 11% zum Vorquartal – die Deutsche Bank macht somit immer größere Fortschritte dabei, Einlagen zu bepreisen.

3.) Die Privatkundenbank beeindruckt am meisten

Gleicht man einfach einmal die Gewinnbeiträge vor Steuern mit dem Konsens der Analysten ab, zeigt sich: Die für das Gesamtergebnis elementare Investmentbank hat (mal wieder) etwas mehr abgeliefert als erwartet – doch auch die Privatkundenbank schnitt mit einem Ergebnis von 419 Mio. Euro besser ab als erwartet (genauer: um 128 Mio. Euro). Sinkenden Kosten (-3%) standen steigende Erträge (+3%) gegenüber, weil das Kerngeschäft wächst. Als Haupttreiber in der Privatkundenbank führte der Konzern mehr als 9 Mrd. Euro zusätzlichen Nettoabsatz bei Investmentprodukten und ein Plus von netto 3 Mrd. Euro bei Kundenkrediten an.

Hier die Übersicht über die Spartenergebnisse im Q1:

in Mio. Euro Analysten-Erwartung Ist Q1 / 2022 Delta in Mio. Delta in %
Private Bank 291 419 128 44
Corporate Bank 256 291 35 14
Investmentbank 1.348 1.509 161 12
Asset Management (DWS) 204 206 2 1
Capital Release Unit -271 -339 -68 -25
Corporate & Other -206 -428 -222 -108

Quelle: Deutsche Bank


4.) Die größte Verwirrung stiftet … “Corporate & Other”

Was beim Abgleich der Spartenergebnisse mit den Erwartungen ins Auge fällt: wie stark die Sparte “Corporate & Other” den Konsens der Analysten verfehlt hat! Corporate & Other, das ist die Sparte, in der alles verbucht wird, was die Bank woanders nicht zu verbuchen weiß (oder nicht verbuchen kann, aufgrund der IFRS-Regeln). Und dort fiel das Minus mit 428 Mio. Euro um 222 Mio. Euro höher aus, mehr als doppelt so hoch wie erwartet. Das (und der etwas höher als erwartet ausgefallene Verlust der internen Bad Bank) machte die positiven Überraschungen der anderen Sparten wieder zunichte.

Das eine sei gewissermaßen eine Funktion des anderen, erklärte CFO von Moltke bei der Telefonkonferenz zu den Q1-Zahlen: Wegen der starken Geschäfte aller Sparten müsse die Bank nun mal Absicherungsgeschäfte eingehen, welche wiederum unter Corporate & Other zu verbuchen seien. Zudem habe es in der Sparte Bewertungs- und Timing-Effekte bei den Vermögenswerten gegeben, und die würden sich über die kommenden Quartale wieder relativieren. Es handele sich demnach nicht um einen harten wirtschaftlichen Verlust, sondern eher um rechnerische Effekte.


5.) Die Kernkapitalquote sinkt überraschend

Und noch eine Zahl überraschte gestern negativ: Die Kernkapitalquote landete per Quartalsende bei 12,8%. Das ist niedriger als im Vorquartal (13,2%), sehr viel niedriger als im Vorjahresquartal (13,7%) und vor allem auch niedriger, als die Analysten erwartet hatten (13,0%). Letzteres ließe sich leicht als Marginalie abtun, was sind schon 0,2 Prozentpunkte Unterschied? Doch eigentlich will die Bank für die Jahre 2021 bis 2025 insgesamt 8 Mrd. Euro an ihre Aktionäre ausschütten, über Dividenden oder Aktienrückkäufe. Und da zählt jeder Euro, jeder Prozentpunkt.

Die Deutsche Bank erklärte zum Rückgang der Kernkapitalquote,  es habe "Modellanpassungen der Europäischen Zentralbank” gegeben. Zudem sei es in Verbindung mit dem Krieg in der Ukraine zu einem “negativen Effekt bei Kreditbewertungen und zu höheren Anpassungen bei der […] Bewertung der zum Fair Value bilanzierten Vermögenswerte” gekommen.

Allerdings wandelt die Deutsche Bank im neuen, geopolitisch und ökonomisch deutlich unsicheren Umfeld nur noch mit einem geringen Sicherheitsabstand auf die von ihr ausgegebene Zielquote von 12,5% umher (bis 2025 sollen es mehr als 13% sein). Zum Vergleich: Im Schnitt sind die börsennotierten europäischen Großbanken aktuell mit einer CET1-Quote von 14,6% kapitalisiert.


6.) Fazit: Ein gutes Gesamtbild – aber es stellen sich Fragen

Natürlich ist offen, ob die Deutsche Bank das jetzige Gewinnniveau halten kann. Dafür spricht, dass der Nettogewinn von rund 1,1 Mrd. Euro ja anfiel, obwohl die Bank ihre Bankenabgaben für das gesamte Jahr erneut bereits im Q1 verbucht hat (Höhe: 730 Mio. Euro, +28% im Vergleich zu 2021)! Dagegen spricht die Skepsis der Analysten, die eher an eine nachlassende Gewinndynamik glauben und für die Bank und das Gesamtjahr nur 3,5 Mrd. Euro Nettogewinn erwarten. Und ein paar Feinheiten des Zahlenwerks: So stieg der Gewinn der Investmentbank nur um 1% – auch weil die Sachkosten in der Sparte im Vergleich zum Vorjahresquartal um gut 8%, die Personalkosten um fast 15% zulegten.

NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Share

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on xing