Daten & Research

Bis zu 57% weniger! Die Legende vom Ende des Filialsterbens

8. Juni 2022

Von Heinz-Roger Dohms und Christian Kirchner

Wie ermittelt die EZB eigentlich, wie viele Filialen es in Deutschland gibt?

  • Müssen die immer noch weit mehr als eintausend hiesigen Banken und Sparkassen der Aufsicht im Rahmen irgendwelcher aufsichtlicher Meldepflichten neuerdings wöchentliche Updates durchkabeln (“Zahl der in der KW16 betriebenen Zweigstellen: Unverändert”)?
  • Haben sich die EZB-Statistiker aus alten Google-Beständen ein paar Autos mit 360-Grad-Kamera gesichert, die sie nun durch die Innenstädte fahren lassen?
  • Oder ist die EZB, weil sie halt die EZB ist, mittlerweile dermaßen allwissend, dass sie solche Dinge einfach weiß und sich die Frage nach dem “Woher” autoritätshalber verbietet?

Fest steht: Wer es mit der Filialstatistik so eilig hat, dass er auf den guten alten September-Bericht der Bundesbank nicht warten will, begibt sich auf methodisch seifiges Terrain. Das musste auch die KfW schon mal erfahren. Die war vor ein paar Jahren zu der exklusiven Erkenntnis gelangt, in etlichen deutschen Regionen habe es im Jahr 2015 mehr Filialen gegeben als im Jahr 2000 (im Kreis Würzburg zum Beispiel hatte sich die Zahl fast verdoppelt). Bei der Frage nach der Datengrundlage fiel den Staatsbankern dann allerdings nur noch ein, auf die “Uni Siegen” und auf “Hoppenstedt” zu verweisen. Mehr Beleg war nicht.

Jedenfalls, um nun endlich zur Sache zu kommen: Wie dieser Tage zu lesen war, sollen laut EZB hierzulande im Jahr 2021 gerade einmal saldiert 0,5% aller Bankfilialen verschwunden sein. Eine herzerwärmende Nachricht. Aber auch eine fundierte?

Unser Plausibiliäts-Check:

1.) Die Nachricht

Stammt vom “Handelsblatt”. Das berichtete Ende letzter Woche unter der Überschrift “Deutsche Banken schließen plötzlich kaum noch Filialen”:

“Im vergangenen Jahr fiel die Zahl der Bankfilialen in der Bundesrepublik nur noch um 0,5 Prozent auf 23.982, wie aus Daten der Europäischen Zentralbank (EZB) hervorgeht.”


2.) Die Quelle

Tatsächlich findet sich die Zahl “23.982” in einer EZB-Statistik , seltsamerweise allerdings nicht unter dem Rubrum “Branches”, sondern unter dem Rubrum “Offices”, was auch immer das sein mag. Der Wert für 2020 wird mit “24.100” angegeben, also ein Rückgang um 118 Stück.


3.) Der Check

Wenn man sich einfach mal durch die Zahlen der großen/gängigen Banken bzw. Verbünde hierzulande wühlt/fragt, dann kommt Folgendes dabei heraus (definitorische Feinheiten wie “inkl. oder exkl. SB-Standorte” lassen wir mal außen vor):

Ende 2020 Ende 2021 Entwicklung
Genosektor 8.566 8.074 – 5,7 %
Sparkassen 12.225 11.637 – 4,8 %
Dt. Bank (nur Deutschland) rd. 500 rd. 400 – 20,0 %
Postbank rd. 750 rd. 700 – 6,7 %
Commerzbank 800 550 – 31,3 %
Hypo-Vereinsbank 313 313 0,0 %
Degussa 129 56 – 56,6 %
Targobank 337 335 – 0,6 %
Dt. Santander 209 189 – 9,6 %
OLB (nur regional) 76 51 – 32,9 %
Summe 23.905 22.305 – 6,7 %

Quellen: Geschäftsberichte, Jahresberichte, eigene Recherchen


4.) Die Auflösung

Folgende Erklärungen bieten sich unserer Ansicht nach an:

  • Banken, die in unserer Liste fehlen, haben im vergangenen klammheimlich weit >1.000 Filialen aufgemacht (unwahrscheinlich)
  • Eine Bank, die in unserer Liste fehlt, hat im vergangenen Jahr klammheimlich weit >1.000 Filialen (extrem unwahrscheinlich)
  • Jeder Brexit-Banker, der seit dem Brexit von London nach Frankfurt rübergemacht hat, hat klammheimlich je eine Filiale mitgebracht (extrem unwahrscheinlich, würden wir sagen – auch auf die Gefahr hin, dass Hubertus Väth da möglicherweise mehr weiß als wir)
  • Die EZB-Statistiker haben die Frankfurter Brexit-Banker versehentlich in ihre Filialstatistik eingerechnet (unwahrscheinlich, aber keineswegs auszuschließen)
  • Die EZB verfolgt eine Bankfilial-Definition, die von gängigen Bankfilial-Definitionen abweicht (nicht auszuschließen)
  • Irgendwer hat irgendwas irgendwie falsch verstanden … (wahrscheinlich)
  • … womöglich ja sogar wir selber (nie auszuschließen)

5. Die Stellungnahme

Hier, was die EZB Anfang dieser Woche uns gegenüber sagte:

“Please note that the series in question (in line with usual practice) is flagged provisional for the time being. We are investigating with national central banks as regards some figures, which would be revised in the next update of the data if necessary. Furthermore, please note that the series you indicate refers to the Number of offices (local branches) of all credit institutions (CIs) in the Member State, i.e. Germany, which might comprise offices going beyond those reported to Germany’s Bank Associations.”

Für uns liest sich das so, als wären es im Zweifel eher die Brexit-Banker als die Google-Autos. Aber wer weiß.

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