Analyse

Wie DWS und Union Investment bei Wirecard scheiterten

11. Mai 2020

Von Christian Kirchner

Eigentlich war in Sachen DWS/Wirecard bzw. Union/Wirecard alles gesagt: Zwei der drei großen bankeneigenen Fondsanbieter hierzulande lagen mit ihren großen Positionen auf den umstrittenen Aschheimer Zahlungsdienstleister daneben. Punkt. Mund abwischen. Weiter geht‘s.

Dachten wir jedenfalls.

Stattdessen kam es übers Wochenende zu einer bemerkenswerten Neu-Interpretation der Ereignisse. Der Wirecard-„Fehlgriff“ sei „kein Zeichen für mieses Fondsmanagement“, sondern das „Gegenteil“ (!), hieß es – stellvertretend für etliche Stimmen aus der Branche – im Leitartikel der „Börsen-Zeitung“. Weil: Aktive Fondsmanager sollten ja „ein Wagnis eingehen“. Und: Die Börse sei nun mal „geprägt von unvorhersehbaren Ereignissen“.

Was an dieser Argumentation zweifellos richtig ist: Shit happens! Das heißt aber nicht, dass man jetzt so tun sollte, als sei jedes Risiko ein gutes Risiko. Die Wirecard-Position war nämlich keine normale Position. Sie war ein ziemliches Harakiri. Und: Sie widersprach vielem von dem, wofür DWS und Union Investment eigentlich stehen wollen. Eine Rekonstruktion in sechs Akten.

1.) Wo waren die deutschen Fondsanbieter zehn Jahre lang?

Unumstritten war die Wirecard-Aktie nie. Viele Jahre lang war sie aber unbestreitbar erfolgreich. Von 4 Euro (Ende 2008) auf 132 Euro (Ende 2018). Eine Ver-33-Fachung in zehn Jahren. Indes: Dass die deutschen Fondsgesellschaften davon übermäßig profitiert hätten, ist nicht bekannt. Hier eine Übersicht über sämtliche Investoren, die zwischen 2008 und 2018 am Jahresende mindestens 3% in Aktien an Wirecard hielten – gar mit dem jeweiligen Jahresendkurs (Smartphone bitte quer halten, das erleichtert die Lektüre):

2008 2009 2010 2011 2012 2013
Investoren mit >3%
William Blair Jupiter Jupiter Jupiter Jupiter Jupiter
Vauban Fund Alken Alken Alken Alken Alken
Sloane Robinson Artisan Artisan Wasatch Artisan Artisan
Wasatch Wasatch Wasatch Columbia Wasatch Wasatch
Artisan Funds Columbia Ameriprise Man. Napier Ameriprise
Capital Research Ameriprise
New Econ. Fund
Aktienkurs 4,13 € 9,65 € 10,25 € 12,42 € 18,60 € 28,72 €
2014 2015 2016 2017 2018
Investoren mit >3%
Jupiter Jupiter Jupiter Jupiter Jupiter
Alken Alken Alken Alken Citigroup
Capital Group Comgest Artisan Artisan Artisan
T Rowe Price T Rowe Price T Rowe Price Blackrock Blackrock
Standard Life Standard Life Comgest Citigroup
Citigroup
Aktienkurs 36,50 € 46,50 € 40,89 € 93,07 € 132,80 €

Quelle: Wirecard-Geschäftsberichte 2008-2018, boersengefluester.de

Man sieht: 19 verschiedene Namen. Haltedauern oft viele Jahre. Aber kein einziger Asset Manager aus Deutschland.

2.) Wo waren die deutschen Fondsanbieter zwischen Herbst 2018 und Frühjahr 2019?

Im September 2018 stieg Wirecard in den Dax auf. Die Zweifel, die das Unternehmen über die Jahre begleitet hatten, schienen auf einmal wie weggewischt. „Payment“ war jetzt das große Ding in der weltweiten Finanzbranche. Und „Wirecard“ galt als das deutsche Kapitel in dieser Erfolgsstory. Indes: Selbst nach dem Dax-Aufstieg hielten sich die großen deutschen Asset Manager nach allem, was sich anhand öffentlich zugänglicher Daten rekonstruieren lässt, auffällig zurück.

3.) Erst im Zuge der monatelangen „FT“-Berichterstattung über Wirecard stiegen DWS und Union groß ein

Am 30. Januar 2019 erschien der erste von etlichen inkriminierenden „Financial Times“-Artikeln über Wirecard. Am 8. Februar gab es die ersten Berichte über polizeiliche Durchsuchungen im Singapurer Büro des Zahlungsdienstleisters, kurz darauf verbot die Bafin Leerverkäufe auf die Wirecard-Aktie. Zwar beruhigte sich die Lage, als Ernst & Young dem 2018er-Abschluss Ende April das Testat erteilte – bald darauf gingen die Angriffe der „FT“ allerdings weiter. Um Wirecard entbrannte ein Glaubenskrieg. Die Aktie wurde zu einer binären Wette: Ist etwas dran an den Vorwürfen oder nicht?

Ausgerechnet in dieser Phase entdecken die DWS und die Union Investment ihr Faible für den bayerischen Payment-Spezialisten:

  • Wie Finanz-Szene.de bereits im November hergeleitet hatte (siehe hier), fährt die DWS ihre Exposure ausgerechnet in jenen Monaten hoch, in denen am härtesten um Wirecard gerungen wird. Hatten die Fonds der Deutsche-Bank-Tochter im Frühjahr 2019 noch völlig unauffällige Gewichtungen in Wirecard in Höhe des Vergleichsindex, so waren dann im Oktober gleich mehrere DWS-Fonds mit gut 7 Mio. Wirecard-Aktien im Wert von einer knapper Mrd. Euro teils annähernd bis zum regulatorischen Anschlag gefüllt. Die Frankfurter Fondsgesellschaft hielt dann per Ende Oktober als erster deutscher Asset Manager überhaupt mehr als 5% an Wirecard.
  • Quasi zur gleichen Zeit verabschieden sich die langjährigen ausländischen Asset Manager in Serie: Jupiter, seit 2009 dabei, rutschte bereits am 8. Oktober 2019 unter die Marke von 3%. Blackrock im Dezember, Artisan im Januar….
  • Bei der Union Investment liegt der Fall noch klarer. Finanz-Szene.de hat die Halbjahres- und Jahresberichte diverse Union-Fonds ausgewertet, sodass sich ein Bild der Entwicklung zeichnen lässt. Noch Ende März 2019 spielte führte die Wirecard-Aktie in den Union-Fonds wie zu diesem Zeitpunkt auch in den DWS-Fonds keine nennenswerte Rolle, waren nur zwei  Deutschland-Fonds mit unauffälligen Gewichtungen dabei. In den sechs Monaten bis zum 30. September 2019 ging der Fondsdienstleister der Volks- und Raiffeisenbanken dann jedoch in die Vollen. In insgesamt 14 Publikumsfonds schwoll die Zahl der Wirecard-Anteil von 0,5 Mio. auf 2,7 Mio. Stück, zehn davon hielten zuvor kein einziges Stück Wirecard. Allein in die beiden „Riester“-Fonds Uniglobal Vorsorge und UniGlobal wanderten rund 1,8 Mio. Papiere. Mit dabei auch zwei dezidierte „Nachhaltigkeitsfonds“, doch dazu später mehr. Der guten Ordnung halber: Im globalen Benchmark-Index MSCI World ist Wirecard mit einem mikroskopischen Anteil von rund 0,02% vertreten.

Hier die Übersicht über die Bestände in diversen Fonds per Ende März 2019 und Ende September 2019.

Name/Stücke 31.03.19 30.09.19
UniGlobal Vorsorge 0 1.121.000
UniGlobal 0 683.000
Unifonds 284.000 284.000
Uniglobal net 0 187.000
UniDeutschland 139.000 139.000
Unifonds net 69.000 69.000
UniDynamik Europa 0 56.000
UniNachhaltig Aktien Global 0 56.000
Uni21. Jahrhundert -net- 0 37.000
Invest Global 0 33.000
Uniglobal II 0 22.000
UniSector High tech 4.000 21.000
Unimarktführer – net – 0 17.000
PrivatFonds Nachhaltig 0 2.900
Summe 496.000 2.727.900

Quelle: Jahres/Halbjahresberichte

… wobei dies lediglich eine Auswahl der Fonds ist, für die Finanz-Szene.de die Dispositionen nachvollziehen konnte.

Im Januar 2020 durchstieß die Union schließlich die meldepflichtige Schwelle von 3%. Zu diesem Zeitpunkt muss der genossenschaftliche Fondsdienstleister dann also 3,7 Mio. Aktien besessen haben.

Interessant ist, wie der Positionsaufbau damals begründet wurde. Es sei „an den Themen Compliance und Revision gearbeitet“ worden, hieß es seinerzeit unter anderem auf Finanz-Szene.de-Anfrage. Ein bemerkenswertes Urteil, wenn man bedenkt, dass der im Oktober 2019 in Auftrag gegebene KPMG-Sonderprüfbericht damals noch in der Mache war und Wirecard längst zu einer „binären Option“ wurde: Entweder würde der monatelang ausgearbeitete KPMG-Sonderbericht Wirecard entlasten. Oder eben nicht.

Ein bemerkenswertes Urteil auch, wenn man bedenkt, dass der Deka-Fondsmanager Ingo Speich (der viele Jahre lang für die Union Investment gearbeitet hat) Wirecard wenige Monate auf der Hauptversammlung zuvor im Juni 2019 noch bescheinigt hatte, die Governance sei eines Dax-Konzerns „unwürdig“ und das Unternehmen stecke immer noch in den „Kinderschuhen eines Start-Ups“. Risiko-, Compliance- und Rechtsexpertise müssten gestärkt werden. Und Wirecard? Hielt die Vorwürfe für „100 Prozent“ entkräftet. Wozu also umbauen?

4.) Man musste nicht der „FT“ glauben, um von Wirecard die Finger zu lassen

Das schonungslose Urteil Speichs zeigt: Die „Financial Times“ stand mit ihrer kritischen Haltung gegenüber Wirecard keineswegs allein. Auch andere Governance-Experten sind irritiert. Etwa der mächtige Aktionärsberater ISS.

ISS ist ein Unternehmen, das Großinvestoren bei der Bewertung von Unternehmen berät. Als Grundlage hierfür dient unter anderem ein sogenannter „Quality Score“, der Kriterien wie Aktionärsrechte, Governance, Vergütung etc. pp. berücksichtigt. Es geht also, kurz gesagt, um das, das man neudeutsch auch als „ESG“ bezeichnet, als um Kriterien des guten, nachhaltigen Investierens.

Finanz-Szene.de fragte bei ISS nach, wie den Wirecard in der Vergangenheit beurteilt wurde. Hier das Ergebnis:

  • Beim Thema Governance schnitt Wirecard noch nie besonders gut ab. Auf der Skala von „1“ bis „10“ („1“ ist der beste, „10“ der schlechteste Wert) lag der Zahlungsdienstleister jahrelang irgendwo zwischen  „4“ bis „6“.
  • Ab Ende 2018 kam es dann allerdings zu einer massiven Verschlechterung, Der „Quality Score“ für die Governance fiel auf „8“, zeitweise sogar auf „9“, in der Subkategorie „Bilanz und Risikomanagement“ gab es (bis heute übrigens) sogar eine „10“ und rund ein Dutzend „roter Flaggen“ – ein geradezu vernichtendes Urteil.

5.) Sind DWS und Union Investment ihren eigenen Ansprüchen gerecht geworden?

Natürlich ist kein Investor gezwungen, die Urteile von Aktionärsberatern wie ISS zu beachten. Die Gesellschaften arbeiten mit Inhouse-Expertise. Aber: Sollten Asset Manager nicht wenigsten den eigenen Prinzipien genügen?

Die Union Investment reklamiert für sich, mit einem eigenen ESG-Komitee bereits 2016 die Analyse von Umwelt-, Sozial- und Governance-Kriterien (ESG) „noch systematischer in den Investmentprozess integriert“ und das Thema nachgerade „forciert“ zu haben (siehe etwa hier).

Das ESG-Thema ist auch ein Leib- und Magen-Thema von DWS-Chef Asoka Wöhrmann, der im September 2019 ein eigenes „Sustainability-Office“ gründete. ESG bei der Anlage, das sei kein „Nice to have“, sondern eine „Licence to operate“, erklärte Wöhrmann im November auf einer Podiumsdiskussion.

Hätte das nicht auch für Wirecard gelten müssen? Und warum hielt selbst der „DWS ESG Investa“ (also ein Fonds, der das Kürzel „ESG“ sogar explizit im Namen trägt) 9,2% an Wirecard?

Die DWS lehnte eine Stellungnahme dazu ab.

Finanz-Szene.de bat auch die Union Investment um eine Stellungnahme. Diese teilt dazu mit:

„Nachhaltige Geldanlage ist mehr als der Ausschluss von Unternehmen, sondern fußt auf ganzheitlichen Entscheidungen. Bei Union Investment verfolgen wir einen integrierten Ansatz, der nachhaltige mit fundamentalen Gesichtspunkten vereint. Vor diesem Hintergrund haben wir im April 2019 damit begonnen, unsere Position in Wirecard auszubauen. Wirecard hat die von der Financial Times erhobenen Vorwürfe zurückgewiesen und auf vorliegende, von der renommierten Prüfungsgesellschaft EY testierte Jahresabschlüsse verwiesen. Zusätzlich hat das Unternehmen eine forensische Sonderprüfung der entsprechenden Fragen durch eine zweite Prüfungsgesellschaft angestrengt.

Wir haben die Informationslage zu Wirecard kontinuierlich und kritisch geprüft und zudem den direkten Dialog mit dem Unternehmen gesucht. Die von uns ausgemachten Schwächen in der Corporate Governance haben wir im Zuge unserer Gespräche  mehrfach adressiert. Die von Wirecard angestoßene KPMG-Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen. Aufgrund neuer Erkenntnisse, die auch mögliche Defizite in der Corporate Governance umfassen, haben wir unsere Bestände entsprechend verringert.“

6.) Am Ende standen die Union und die DWS mit ihren Wirecard-Wetten ziemlich allein

Bei aller kontinuierlich und kritischen Prüfung, die man als selbstverständlich voraus setzen müsste – spätestens zur Jahreswende 2019/2020 war klar: Bei Wirecard läuft alles auf einen Showdown zwischen den „Long“-Investoren auf der einen und den „Short“-Investoren auf der anderen Seite hinaus. Die eine Seite setzte darauf, dass der KPMG-Bericht das Unternehmen entlasten würde. Die andere Seite auf das Gegenteil. Die DWS war zu diesem Zeitpunkt längst mittendrin im Kampfgeschehen. Die Union Investment legte kurz darauf nochmals nach.

Gab es so etwas wie einen Automatismus? Musste man als Investor sozusagen im Wortsinne Position beziehen? Nein! Man hätte sich auch einfach raushalten können. So hat’s zum Beispiel eine andere große deutsche Fondsgesellschaft getan, nämlich Allianz Global Investors (AGI) (siehe unsere Grafik hier). Die Positionen der Deka sind bis heute eher unauffällig. Und, was auffällt: Viele der einstigen Wirecard-Großinvestoren (also die Namen aus der Tabelle ganz oben) reduzierten ihre Positionen. Wie war das noch mit „Stupid German money“?

Selbst unter Einrechnung der jüngsten Verkäufe gehören die DWS und die Union auch nach dem jüngsten Kursmassaker laut den letzten zur Verfügung stehenden Meldungen zu den größten Wirecard-Aktionären (diese Tabelle beschränkt sich auf die tatsächliche Aktionärsstruktur und lässt die von Investmentbanken gehaltenen „Finanzinstrumente“ außen vor):

4,47% DWS Investment GmbH
2,89% BlackRock, Inc. (US)
2,12% Union Investment

Haben wir es hier wirklich mit dem „Gegenteil“ von schlechtem Fondsmanagement zu tun?

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