Aus der Szene

Die Bafin, die Baufi, Herr Slabke – und seine 40 neuen Autos

Manchmal weiß man nicht so recht, ob Ronald Slabke wirklich einer der wichtigsten deutschen Fintech-Unternehmer ist – oder nicht doch ein unverbesserlicher Troll*. Dieser Tage zum Beispiel begann einer seiner Twitter-Posts mit der Feststellung “Völlig irre!”, eine Empörung, die man von dem Hypoport-Chef so ähnlich kennt, wenn er sich wieder mal über kommunale Wohnungsbaupolitik (“Linke Ideologie”) oder über das Unicorn Wefox (“Krude”) aufregt.

Diesmal freilich gilt Slabkes allzeit heiliger Zorn ausnahmsweise weder dem Berliner Senat noch dem Berliner Insurtech – und auch nicht irgendwelchen Krypto-Fintechs, die er neuerdings schmäht, indem er das Wort “Bitcoin” in seinen Tweets durch ein “Tulpen”-Symbol ersetzt. Sondern: Diesmal richtet sich seine Wut gegen einen Gegner, den andere Branchenvertreter nicht einmal im Zustand höchster alkoholbedingter Umnachtung kritisieren würden – die Bafin.

Zum Hintergrund: Im April 2020, also in der Frühphase der Corona-Pandemie, erlaubte die Bafin den Banken und Sparkassen, Baufinanzierungen vorübergehend auch ohne die übliche Objektbesichtigung durch einen Sachverständigen zu vergeben. An die Stelle der Vor-Ort-Begehung traten sogenannte Video-Besichtigungen, was konkret bedeutet: Der Kreditnehmer läuft mit seinem Smartphone (Kamera an!) durch die Immobilie und lässt sich vom remote und live zugeschalteten Sachverständigen sagen, welche Ecken er zu filmen hat. Später dokumentiert der Sachverständige basierend auf Standbildern dann die relevanten Erkenntnisse. Eine simple Idee, mit der sich (Pandemie!) Kontakte reduzieren, vor allem aber die Kosten der Immobilienbewertung senken ließen. Denn natürlich ist es allemal günstiger, den Bauherrn (oder die Baufrau) mit dem Handy durchs Haus laufen zu lassen, als einen Mitarbeiter mit dem Auto vorbeizuschicken.

Glaubt man Slabke, dann haben sich die Video-Besichtigungen bewährt und etabliert (weniger impulsive Branchenvertreter sehen das übrigens ähnlich). Er sagt: “Bei der Objektbesichtigung geht es primär um die Aufdeckung von Betrugsfällen: Gibt es die Immobilie? Befindet sie sich im beschriebenen Zustand? Ist die angegebene Fläche realistisch? Solche Fragen. Das lässt sich per Video-Stream im Grunde genauso gewissenhaft feststellen wie bei einer Besichtigung vor Ort. Die Zahl der Betrugsfälle ist praktisch unverändert.” Zwar war das Streaming-Verfahren auch in Pandemie-Zeiten nicht obligatorisch, sondern benötigte die Zustimmung von Bank und Bauherr. Die Akzeptanz sei aber sukzessive gestiegen, sagt Slabke: “Drei von zehn Besichtigungen nehmen wir inzwischen per Video vor – Tendenz weiter steigend.”

Die Sache ist nun aber: Bei der Bafin-Erlaubnis aus dem April 2020 handelt es sich um eine vorübergehende Erleichterung. Und wenn aus vorübergehend nicht dauerhaft wird, dann heißt vorübergehend nun mal: Irgendwann ist’s vorbei. Wenn die Bafin nun also zum 30. Juni ihre vor gut zwei Jahren erlassenen Pandemie-Maßnahmen zurückdreht, dann gilt das auch: für die Video-Besichtigungen.

Im Bafin-Deutsch:

“Unter Einhaltung der in der FAQ zur Indeckungnahme von Immobilienbeleihungen (Pfandbriefe) genannten Voraussetzungen bzw. Bedingungen und den dort vorgegebenen Abschlägen wird es die BaFin vorübergehend ebenfalls nicht [nun doch wieder] beanstanden, wenn ein Institut für die Ermittlung der Eigenmittelanforderungen nach Artikel 92 bis 386 der Verordnung (EUNr. 575/2013 (CRR) bei Verwendung eines Beleihungswertes nach Artikel 4 Absatz 1 Nummer 74 CRR in Verbindung mit § 22 Solvabilitätsverordnung (SolvV), eine Immobilie auch ohne vorherige Besichtigung des Beleihungsobjektes als Sicherheit berücksichtigt.”

Ronald Slabke, der sich am Telefon genauso herrlich aufregen kann wie bei Twitter, versteht die Welt nicht mehr. Als einer der größten Baufi-Player hierzulande ist seine Hypoport AG (deren Tochter Value AG den Banken die Immobilienbewertung als Dienstleistung anbietet) von der Rückwärtsrolle der Bafin besonders betroffen. “Wir mussten jetzt allein 40 neue Fahrzeuge anschaffen, mit denen wir unsere Sachverständigen jetzt wieder durchs Land fahren lassen”, sagt Slabke. Dann murmelt er noch irgendwas von Autopreisen und Benzinpreisen und Umwelt und überhaupt, was man aber nicht mehr so richtig versteht, weil (wobei das jetzt eine um der Pointe willen zugespitzte Vermutung ist) der Hypoport-CEO vor lauter Kopfschütteln nicht mehr sauber in sein Smartphone zu sprechen vermag.

Und Slabke ahnt: Wenn jetzt die Fallzahlen in die Höhe gehen, dann wird die Bafin “spätestens im Herbst” die Video-Besichtigung doch wieder erlauben. Und dann steht er da mit seinen 40 Autos.

*Definition eines “Trolls (Netzkultur)” gemäß Wikipedia: “Als Troll bezeichnet man im Netzjargon eine Person, die im Internet vorsätzlich mit „zündelnden“ Flame-Kommentaren einen verbalen Disput entfachen oder absichtlich Menschen im Internet verärgern will.”

 

Wie Hypoport zum Herrscher über die Baufinanzierung wurde

 

To top