von Jens Siebert*, 12. Januar 2026
Bankkundinnen und -kunden wünschen sich bessere Finanzübersichten und würden dafür auch sensible Daten teilen: Wer hätte das gedacht? Viel ist über die Financial Data Access Verordnung (FiDA) der Europäischen Union schon geschrieben und diskutiert worden. Sie sei nicht ausgereift, belaste etablierte Anbieter einseitig und definiere die Schemes für den Datenaustausch bislang nicht genau genug. Eine Perspektive wurde dabei bislang viel zu oft ausgespart: die der Kundinnen und Kunden.
Eine KPMG-Befragung zeigt jetzt, wie Verbraucherinnen und Verbraucher, Anlegerinnen und Anleger zum Teilen ihrer Finanzdaten und zu möglichen neuen Services und Geschäftsmodellen stehen. Das Ergebnis: Die Offenheit gegenüber dem Teilen von Daten ist größer als gedacht (mehr als die Hälfte ist grundsätzlich bereit dazu) und der Wunsch nach Services, die ihnen das Handling ihrer Finanzen leichter machen, ist groß. Es zeichnet sich also nicht weniger als ein neuer Wettlauf um die Kundenschnittstelle ab.
Finanzdaten liegen heute meist verteilt vor, wie Puzzleteile auf einem Tisch – verstreut über verschiedene Anbieter, Systeme und Endgeräte. Oft scheinen sie nicht einmal zum selben Puzzle zu gehören. Mit FiDA werden der Zugang zu Finanzdaten und der Austausch untereinander nach jahrelanger Debatte rund um Open Finance erstmals verbindlich geregelt – sicher, standardisiert und plattformübergreifend. FiDA sorgt also dafür, dass die Puzzleteile zueinanderpassen und für Kundinnen und Kunden verfügbar gemacht werden können.
Die Folge: Institute müssen nach Inkrafttreten von FiDA viele Daten per Schnittstelle bereitstellen – solche über Kredite, Ersparnisse oder Schadenversicherungen, aber auch Daten, die zur Prüfung der Bonität üblicherweise herangezogen werden. Mit diesen Informationen können neue und alte Marktteilnehmer innovative Angebote entwickeln.
Ein richtiger Schritt, denn Kundinnen und Kunden sehnen sich nach Lösungen wie konsolidierten Finanzübersichten, einem einfachen Kontowechsel oder einer Finanzberatung ohne händische Dateneingabe, so die Studie. Eine zentrale Voraussetzung für die Akzeptanz des Teilens von Daten gibt es allerdings: Mehr als drei Viertel der repräsentativ Befragten (78%) nennen eine hohe Datensicherheit für ihr Vertrauen in den Vorgang.
Zur Erinnerung: FiDA definiert Dateninhaber und Datennutzer – Banken können beides sein. Für das Teilen von Daten können Dateninhaber von Datennutzern eine Vergütung verlangen, die auch eine angemessene Marge enthalten darf. Durch eine Weitergabe und die Nutzung ihrer Daten dürften ihnen selbst aber keine zusätzlichen Kosten entstehen, mahnen sieben von zehn (69%) Befragten in der KPMG-Studie an. Wer also stellt sich wie auf im Rennen um die Kundenschnittstelle?
Einen Vorsprung bringen am Startblock die etablierten (und stark regulierten) Banken mit: Mehr als zwei Drittel (68%) der befragten Kundinnen und Kunden machen die Vertrauenswürdigkeit von Dateninhabern und -nutzern zur Bedingung einer Datenweitergabe oder -nutzung. Es sind also die Institute selbst, auf denen die Erwartungen der Open-Finance-Verfechter ruhen. Filial- und Regionalbanken könnten mit den richtigen Services im Zuge der FiDA-Umsetzung sogar eine Renaissance erleben.
Klar ist aber auch: Open Finance ist kein Angebot für alle, sondern eines für klar definierte Zielgruppen: Vor allem Jüngere und Gutverdienende befürworten das Teilen ihrer Daten und betonen die Chancen und Möglichkeiten, die darin für neue Services stecken. Zum Beispiel zeigen junge Erwachsene (bis 24 Jahre) ein fünfmal höheres Interesse als die über 55-Jährigen.
FiDA setzt gewohnte Datenmonopole außer Kraft und eröffnet allen Marktteilnehmenden Zugang zu Finanzdaten. So können beispielsweise künftig Asset Manager oder Versicherer Einblicke in Konto- und Depotstrukturen oder Vorsorgepläne erhalten. In greifbare Nähe rücken zum Beispiel KI-basierte Finanz-Coaches, die mit individuellen Empfehlungen datenbasiert und vorausschauend die anbieterübergreifende Finanzplanung unterstützen – vor kurzem noch undenkbar. Deshalb ist es wichtig, FiDA jetzt schon nicht nur als Compliance-Thema zu betrachten – Banken sollten ihre strategischen Optionen prüfen.
Ob Kooperationspartner, datengetriebener Prozessoptimierer oder Allfinanzanbieter: Im neuen Open-Finance-Ökosystem gibt es verschiedene Rollen, und nicht für jedes Institut ist es erforderlich, die Hauptrolle zu übernehmen. Aber klar ist: FiDA kommt. Insbesondere die vorgeschlagene Bußgeldhöhe lässt erahnen, dass die Verordnung politisch einen hohen Stellenwert genießt und umgesetzt werden wird.
Zwei Aspekte werden maßgeblich darüber mitentscheiden, ob FiDA für die etablierten Finanzdienstleister zum Erfolg wird. Zum einen werfen die formulierten Anforderungen noch einmal ein Schlaglicht auf den Umgang der Unternehmen mit Daten: Wer hier in den vergangenen Jahren seine Hausaufgaben noch nicht gemacht hat, sollte das schnell nachholen.
Und: Die rechtzeitige Auseinandersetzung mit FiDA bestimmt darüber, ob ein Unternehmen Vorreiter bei Open Finance wird oder Zeit investieren muss, um mit Compliance-Risiken und Wettbewerbsnachteilen zu kämpfen.
Banken sollten die kurze Übergangszeit jetzt nutzen, um Prozesse anzupassen, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln und sich strategisch optimal aufzustellen.
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*Jens Siebert ist Partner bei KPMG im Geschäftsbereich Financial Services und Experte für die Transformation von Geschäfts- und Betriebsmodellen von Banken.
Für die KPMG-Studie „Open Finance und FiDA im Retail-Geschäft: Wettlauf um die Kundenschnittstelle – was sich Kundinnen und Kunden jetzt wünschen“ wurden mehr als 3000 Verbraucherinnen und Verbraucher befragt. Sie kann hier heruntergeladen werden – zur Studie.
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