Deal mit Solarisbank! Samsung Pay umgeht etablierte Banken

24. September 2020

Von Heinz-Roger Dohms

Der Smartphone-Gigant Samsung plant für den 28. Oktober den Deutschland-Start seines mobilen Bezahlsystems „Samsung Pay“ – kooperiert dabei allerdings anders als Google Pay und Apple Pay nicht mit Banken und Sparkassen, sondern will die traditionelle Kreditwirtschaft komplett umgehen. Zu diesem Zweck hat Samsung einen Dreierpakt mit Visa und dem Berliner Whitelabel-Fintech Solarisbank geschlossen. Im Zuge der Registrierung bei Samsung Pay sollen die Kunden eine virtuelle Visa-Debitkarte erhalten, die nach einem KYC-Verfahren bei der Solarisbank mit dem normalen Bankkonto verknüpft wird. Karten-Issuer sind also (nochmal: anders als i.d.R. bei Google Pay und Apple Pay) nicht die Hausbanken, sondern allein die Solarisbank.

Aus Sicht der etablierten Kreditwirtschaft hat das Setup einen potenziell disruptiven Charakter. Denn die Interchange von 0,2% je Transaktion fließt bei dem gewählten Konstrukt der Solarisbank zu – und eben nicht den Banken und Sparkassen (wobei sich das Berliner Fintech die Interchange de facto mit Samsung teilen dürfte …). Die „Triple Entente“ aus Samsung, Solarisbank und Visa ähnelt damit grob dem Bündnis, dass Google (analog zu Samsung) Ende 2018 mit Mastercard (analog zu Visa) und Paypal (analog zur Solarisbank) eingegangen war. Indes: Google schloss parallel bzw. später Verträge mit praktisch allen deutschen Banken und Sparkassen, Die Kunden sind also nicht gezwungen sind, die Paypal-Lösung zu wählen, wenn sie mit Google Pay bezahlen wollen. Ob Samsung in einem zweiten Schritt ebenfalls auf die Banken zugehen wird, ist unklar. Eine Sprecherin des südkoreanischen Konzerns wollte sich auf Anfrage nicht festlegen.

Für die Solarisbank ist die Kooperation mit Samsung derweil ein „Ritterschlag“, wie CEO Roland Folz im Gespräch mit Finanz-Szene.de meinte. Mehr noch: Bei den bisherigen B2B-Kooperationen des hochgewetteten Berliner Fintechs handelt es sich häufig um entweder eher kleine Kunden (z.B. Penta, Bitwala, Tomorrow …) – oder um Deals, bei denen der Anteil, den die Solarisbank an der Wertschöpfungskette einnimmt, nach Angaben von Insidern begrenzt ist (etwa bei der Zusammenarbeit mit dem Otto-Konzern). Gemessen hieran hat die Kooperation mit Samsung eine potenziell völlig andere Dimension.

Zur Einordnung: Das Kundenpotenzial für Samsung Pay dürfte hierzulande – basierend auf Absatzzahlen – sicherlich bei grob geschätzt 20 Millionen und mehr liegen (quasi die Schnittmenge derjenigen, die ein einigermaßen zeitgemäßes Samsung-Smartphone und ein Konto bei einer deutschen Bank haben …); bei neuen Samsung-Handys wird die entsprechende App sogar vorinstalliert sein. Die große Frage lautet allerdings: Selbst wenn sich Mobile Payment durchsetzen sollte – werden die Kunden dann mit Samsung Pay bezahlen, oder nicht doch eher mit Google Pay, der Bezahl-App ihrer Bank oder (wer ein iPhone hat) mit Apple Pay. Viele Marktkenner sind eher skeptisch, was die Chancen der Koreaner angeht. Im Umfeld der „Triple Entente“ wird dagegen auf die enorme Marketing-Power verwiesen, die ein Weltkonzern wie Samsung entfalten könne.

In technischer und regulatorischer Hinsicht beschreibt die Kooperation von Samsung und Solaris fast schon idealtypisch das, was da draußen in den Fachforen unter Stichwörtern wie „Kontextuelles Banking“ oder „Banking as a Service“ verhandelt wird. So muss der Kunde im Zuge des Onboardings zwar einen KYC-Prozess bei der Solarisbank durchlaufen* – dieser fällt allerdings vergleichsweise minimalinvasiv aus: Der Nutzer muss sich über die IBAN seiner Hausbank validieren, dann pro forma eine 5-Cent-Überweisung tätigen und dann noch eine  „Qualifizierte elektronische Signatur“ leisten. Also alles ohne Video-Ident (weil die eigentliche Identifikation ja schon über die Hausbank sichergestellt ist?

Nach unserem Verständnis hat der Kunde damit faktisch ein Konto bei der Solarisbank eröffnet – merkt es aber gar nicht (was übrigens ein Vorteil sein könnte, wenn Samsung Pay mithilfe der Solarisbank demnächst europaweit ausgerollt werden sollte: Die Berliner könnten auch dann mit deutscher IBAN agieren). Bezahlt der Kunde im Alltag mit Samsung Pay, zieht die Solarisbank de factco eine Lastschrift gegen das normale Bankkonto des Kunden. Auch das mehr oder weniger eine Parallele zu Paypal (wobei Solarisbank-Lending-Chef Krishna Chandran im Gespräch mit Finanz-Szene.de stattdessen den Vergleich zur „Apple Card in der Apple-Pay-Wallet in den USA“ zog. Allerdings haben wir spätestens an dem Punkt abgeschaltet, weil es uns zu komplizieret wurde).

Zum Schluss noch was für alle, die aufgepasst haben die letzten Wochen:

  1. Als die Solarisbank Ende Juni ihr 60-Mio.-Euro-Funding verkündete, gehörte zu den neuen Investoren – genau: Samsung. Die Entscheidung, mit den Berlinern bei Samsung Pay zu paktieren, soll allerdings schon deutlich vorher gefallen sein
  2. Falls sich irgendjemand fragen sollte, ob – analog zur neulich verkündeten Kooperation mit American Express – auch wieder die Solaris-„Splitpay“-Lösung zum Einsatz kommt (die es ermöglicht, einen Teil der Kaufsumme in einen Kredit umzuwandeln) … Antwort: Ja, isso. Schnuckeliger Basis-Zinssatz: 12%
  3. Und für die Scheme-Enthusiasten: Warum Visa und nicht Mastercard? Unter strengstem Vorbehalt: Angeblich (was ja naheliegt) pitchte auch Mastercard bei Samsung. Und zwar gerüchteweise (gerüchteweise!) u.a. in Kombination mit der Wirecard Bank (quasi so wie Visa in Kombination mit der Solarisbank). Ob’s wirklich so war, wissen wir nicht. Wobei, ganz wichtig, siehe oben: Ende Juni wurde ja nicht nur das 60-Mio.-Euro-Funding der Solarisbank verkündet, sondern in jene Tage fiel auch die Insolvenz von Wirecard. Heißt: Da der Pitch schon deutlich vorher war, hätte das Nicht-zum-Zuge-Kommen der Wirecard Bank zumindest nichts mit dem Zusammenbruch des Mutterkonzerns zu tun gehabt.

*Aus Kundensicht ist dieses Procedere ein Nachteil im Vergleich zu Apple Pay oder Google Pay. Dafür allerdings kann die Solarisbank ja nichts – sondern: Das ist der Preis, den Samsung dafür zahlt, keine Einzelverträge mit Banken und Sparkassen abzuschließen.

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