Exklusiv

Solarisbank schmiedet Pläne für einen Börsengang via Spac

15. April 2021

Von Heinz-Roger Dohms, John Stanley Hunter und Caspar Schlenk

Die Solarisbank holt zum ganz großen Schlag aus. Laut gemeinsamen Recherchen von „Finanz-Szene.de“, „Finance Forward“ und „Gründerszene“ arbeitet das Berliner Vorzeige-Fintech an konkreten Plänen für einen Börsengang mittels einer „Spac“ – einer Methode, bei der sich operativ tätige Unternehmen von einem bereits an der Börse notierten Firmenmantel („Special Purpose Acquisition Company“) übernehmen lassen. Übereinstimmenden Angaben von Insidern zufolge will die Solarisbank bereits in Kürze eine der großen Investmentbanken beauftragen, den entsprechenden Prozess einzuleiten. Dabei soll auch die Option eines klassischen Börsengangs geprüft werden – wobei dem Vernehmen nach die Spac-Lösung favorisiert wird. Läuft alles wie erhofft, könnte der Börsengang Anfang 2022 über die Bühne gehen.

Entscheidend bei dem Vorhaben wird sein, welchen Unternehmenswert mögliche Interessenten der Solarisbank zubilligen werden. Bei der letzten großen Finanzierungsrunde im Sommer vorigen Jahres war der „Banking as a Service“-Spezialist (dessen Infrastruktur hinter den Endkunden-Angeboten von Fintechs wie Trade Republic, Bitwala, Penta oder Kontist steht) mit grob gerechnet 320 Mio. Euro bewertet worden. Seitdem ist der 2016 gelaunchte B2B-Spezialist allerdings kräftig weiter gewachsen. Im abgelaufenen Geschäftsjahr kam die Solarisbank auf Gesamterträge in Höhe von 35 Mio. Euro, wie aus vorläufigen Zahlen hervorgeht – im Vergleich zum Vorjahr eine Steigerung um 83%.

Im ersten Quartal 2021 hat sich dieser Trend sogar noch einmal beschleunigt. Anfang des Jahres hatte Solaris mitgeteilt, die Ein-Millionen-Marke bei den Endkundenkonten überschritten zu haben. Inzwischen dürften plausiblerweise noch einmal einige hunderttausend hinzugekommen sein. Denn: Die eigenen B2B-Kunden wie Penta, Vivid Money oder Bitwala vermeldeten zuletzt starke Kundenzuwächse; Kontist wiederum sorgte mit einer Finanzierungsrunde für Aufsehen; und auch Trade Republic profitiert dem Vernehmen nach weiterhin vom allgemeinen Wertpapier-Boom.

Branchenkenner gehen davon aus, dass die Solarisbank pro Konto im Schnitt irgendwas um die 25 bis 50 Euro jährlich generiert – jedenfalls wenn man neben der eigentlichen Provision auch etwaige Zinseinnahmen und mögliche Interchange-Gebühren einbezieht. Auf Basis solcher Zahlen wird im Umfeld der Solarisbank mittlerweile spekuliert, dass die Firma bei einem Spac-Deal eine Bewertung von mehr als einer Milliarde Euro anvisiert.

Zumal: Viele Spacs sind momentan händeringend auf der Suche nach seriösen Investmentzielen: „In letzter Konsequent gibt es in Europa kaum mehr als 30 Fintechs, die überhaupt für einen Spac-Merger infrage kommen“, sagt ein Insider. Denn: Bei Payment-Fintechs wie Klarna oder Adyen sind die Bewertungen in den vergangenen 24 Monaten derart in die Höhe geschossen, dass sie die finanziellen Möglichkeiten der allermeisten Spacs schlicht sprengen. Ähnliches gilt für die großen europäischen Neobanken wie Revolut oder möglicherweise sogar N26.

Auf der anderen Seit gibt es gerade in Deutschland etliche Fintechs mit Bewertungen im bislang nur gehobenen zweistelligen oder niedrigen dreistelligen Mio. Bereich. „Solche Player wiederum sind für einen Spac eigentlich noch zu klein“, sagt ein Marktkenner.

Hinzu kommt: Von den Playern, die realistischerweise in den Zielkorridor eines Spac passen könnten, haben einige in den vergangenen Wochen bereits durchblicken lassen, dass ein Spac für sie momentan keine Option sei. Dazu gehören der Berliner Einlagen-Broker Raisin. Oder auch der Münchener Robo Advisor Scalable Capital. „Damit bleiben hierzulande kaum noch Kandidaten übrig“, sagt der Marktkenner. „Und von denen ist die Solarisbank sicherlich der interessanteste Kandidat, weil sie schon eine wahrnehmbare Größe mitbringt, zugleich aber auch weiterhin kräftig wächst.“ Bei der Solarisbank nimmt man solche Einschätzungen natürlich wahr. Gleichwohl gab sich ein Sprecher gestern auf Anfrage zurückhaltend: „Dass unser Geschäftsmodell am Markt überzeugt und Investoren großes Interesse zeigen, freut uns sehr […] Wir halten uns alle Optionen offen und können laufende Gespräche nicht kommentieren.“

Tatsächlich sollen in den zurückliegenden Wochen verschiedene Spacs bei der Solarisbank und einzelnen ihrer Investoren vorstellig geworden sein. Dieses Interesse hat dazu beigetragen, dass sich die Berliner von ihren ursprünglichen Plänen, einen Börsengang erst 2022 oder 2023 anzustreben, verabschiedet haben und den Prozess zu beschleunigen versuchen. Gleichwohl will die Solarisbank die Dinge nicht überstürzen. Unklar ist beispielsweise, wie sich die Bafin zu den Plänen verhalten wird. Ein mögliches Problem: Sollte ein neuer Investor im Zuge eines Börsengangs mehr als 10 % an dem Fintech übernehmen, würde dies ein Inhaber-Kontrollverfahren erforderlich machen – ein langwieriger Prozess, den die Solarisbank vermutlich lieber umschiffen möchte.

Ein mögliches Ausweichszenario könnte Experten zufolge so aussehen, dass nicht die Solarisbank in einer Spac-Hülle aufgeht, sondern der Spac auf die Solarisbank gemergt wird. Eine weitere offene Frage: An welcher Börse würde sich die Solarisbank sinnvollerweise notieren lassen? Der Ruf der Frankfurter Börse hat durch den Wirecard-Skandal und das umstrittene Delisting von Rocket Internet merklich gelitten. Zudem heißt es in Finanzkreisen, an ausländischen Börsen wie Amsterdam oder der New Yorker Nasdaq könnten Technologieunternehmen (zu denen sich auch die Solarisbank zählt) höhere Bewertungen durchsetzen. Doch auch da wäre zu klären: Würde die Bafin mitspielen?

Nicht ausgeschlossen ist zudem, dass die Solarisbank im Laufe der kommenden Monate doch noch einmal auf ihren ursprünglichen Zeitplan zurückschwenkt – und vor einem möglichen IPO doch noch einmal eine reguläre Funding-Runde einlegt. Tatsächlich ist der reine Kapitalbedarf der Solarisbank verglichen mit Fintechs ähnlicher Größe nicht so wahnsinnig hoch. Das organische Wachstum ließe sich auch mit einer weiteren Kapitalerhöhung im hohen zweistellig oder niedrigen dreistelligen Millionenbereich finanzieren, sagen Insider. Mehr Geld würde die Solarisbank dann brauchen, wenn Sie darüber hinaus Übernahmen in Erwägung zieht. Auch hierfür wäre eine Börsennotiz von Vorteil, weil mögliche M&A-Deals dann nicht mehr nur in Cash, sondern auch in Aktien finanziert werden könnten. Ein weiterer Vorteil eines Börsengangs (egal ob Spac oder klassisch): Es stünde vermutlich mehr Geld für sogenannte Secondaris zur Verfügung, also für die Übernahme bestehender Anteile von Altinvestoren.

Zu all diesen Erwägungen wollte die Solarisbank gestern allerdings keine Stellung nehmen.

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