Analyse

Wie sich ein Durchschnitts-Fintech durch die Krise laviert

2. Dezember 2020

Von Heinz-Roger Dohms

Was macht eigentlich so ein deutsches Durchschnitts-Fintech in der Krise? Also eines, das nicht so leidet wie, sagen wir, SumUp. Dass aber auch nicht gnadenlos profitiert wie, sagen wir, Trade Republic. Sondern: so ein Fintech dazwischen …

Um es kurz zu machen: In vielen Fällen wissen wir es nicht – dafür wissen wir es in einem Fall allerdings ganz genau! Lesen Sie hier: Die Nahaufnahme eines Fintechs, das sich zwischen abgeblasenem Funding, unsicherer Liquidität und steigenden Erträge durch die Krise laviert.

Um wen geht es?

Um CRX Markets.

Wer ist das? Muss man die kennen?

CRX Markets ist ein Fintech aus dem gehobenen Mittelfeld. Im August 2019 verstieg sich Finanz-Szene.de sogar mal zu der Formulierung, bei dem Münchner Startup handele es sich um einen „Hidden Champion“, was im Nachhinein betrachtet vielleicht ein wenig übertrieben war. Allerdings: Damals hatte CRX Markets geschafft, sich mit einem relativ bescheidenden Funding (6 Mio. Euro) auf eine relativ stolze Bewertung (65 Mio. Euro) zu katalputieren. Nicht schlecht!!! Und was man zumindest nicht unerwähnt lassen sollte: Zu den Machern von CRX Markets gehören die (zumindest für Fintech-Verhältnisse) einigermaßen berühmten 360T-Gründer Moritz von der Linden und Carlo Kölzer. Also zwei Gründer, die schon mal gezeigt haben, wie es geht (360T ist der Devisenhandels-Spezialist, den 2015 die Deutsche Börse für 725 Mio. Euro erworben hatte).

Was genau macht CRX Markets?

CRX Markets ist eines dieser Working-Capital-Fintechs, zu denen auf nationaler Ebene zum Beispiel auch Traxpay gehört und auf internationaler Ebene beispielsweise Taulia oder C2FO (siehe hierzu unser Stück „Das ultimative Lehrstück über die Schlacht zwischen Banken und Fintechs“ aus dem Oktober 2018). Kurz gesagt macht CRX Markets irgendwas mit Supply-Chain-Finanzierung. Wem das zu unspezifisch ist, den verweisen wir auf die Selbstbeschreibung des Unternehmens in seinem soeben veröffentlichten Geschäftsbericht:

„CRX hat seit der Gründung am 19. Dezember 2012 eine Softwarelösung entwickelt […], die den Betrieb einer Finanzierungsplattform für einzelne Bestandteile (Verbindlichkeiten ggü. Lieferanten und Forderungen ggü. Kunden) des Umlaufvermögens von Unternehmen ermöglicht. Die Digitalisierung des Finanzierungsprozesses erlaubt den Nutzern dieses elektronischen Marktplatzes die Anwendung strukturierter Finanzierungsmodelle, die im Vergleich zu marktüblichen Finanzierungsformen wie Betriebsmittellinien oder klassischem Factoring wirtschaftliche Vorteile wie z.B. einen niedrigeren Finanzierungszins sowie hohen Automatisierungsgrad für die Finanzierungsnehmer bieten.“

Wie war die Ausgangsposition von CRX Markets?

Sehr okay. 2018 kamen die Münchner auf Provisionserträge in Höhe von 876.000 Euro (eine Versechsfachung zum Vorjahr) – ein Indiz, dass das 2012 gegründete Fintech nach Jahren des Aufbaus allmählich Fahrt aufnahm.

Wie war die Verfassung unmittelbar vor der Pandemie?

Nicht mehr ganz so überzeugend. Zwar gelang es CRX Markets im Jahr 2019, die Zahl seiner Kunden (darunter bekannte Namen wie Nestlé oder Daimler) von fünf auf zwölf zu steigern. Allerdings kam es zu unvorhergesehenen Verzögerungen, wie der Geschäftsbericht offenbart:

„Neben dem abgesagten Start des ersten Receivables Finance Kunden [Anm. der Red.: „Receivables Financing“ ist eines der Produkte, die CRX Markets anbietet] führte insbesondere die Tatsache, dass die sieben Neukunden größtenteils erst in der zweiten Jahreshälfte bzw. im 4. Quartal erlöswirksam live gehen konnten und sich damit der Start im Vergleich zur Planung um ca. 6-9 Monate verzögerte, zur Verfehlung der Planung.“

So stiegen die Provisionserträge lediglich um 30% (und damit weniger stark als geplant) auf 1,142 Mio. Euro – statt den Jahresfehlbetrag wie angestrebt von 3,9 Mio. Euro auf 2,2 Mio. Euro zu reduzieren, stieg er auf 4,4 Mio. Euro an.

Folge: Früher als erhofft brauchte CRX Markets wieder Kapital. Doch dann …

Was passierte dann?

… ausgerechnet dann kam Corona und durchkreuzte die angestrebte Finanzierungsrunde, wie sich dem Geschäftsbericht entnehmen lässt:

„Auf Grund des verzögerten Go-lives einiger Kunden bei gleichzeitiger Ausweitung des Jahresverlusts hatten die Gesellschafter in 2020 eine Kapitalerhöhung geplant. Auf Grund der Auswirkungen der COVID-19 Pandemie auf den Markt für Eigenkapitalfinanzierungen für Wachstumsunternehmen wurde die ursprünglich für das erste Halbjahr 2020 geplante Kapitalerhöhung auf einen späteren Zeitpunkt verschoben.“

Eine Notsituation? CEO Frank Lutz wiegelt ab: „Dass wir nicht in die Finanzierung gegangen sind, war keine Frage des Könnens, sondern des Wollens. Wir hätten wegen wegen Corona Abstriche bei der Bewertung machen müssen. Das wollten wir nicht.“

So oder so – das neun Monate zuvor noch als „Hidden Champion“ titulierte Startup sah sich mit eine ungemütlichen oder zumindest ungewohnten Lage konfrontiert: Das Geld wurde knapp. Die Bestandsinvestoren sprangen ein:

„Zur Aufrechterhaltung der Liquidität hat die Gesellschaft ein nachrangiges Gesellschafterdarlehen mit Rangrücktrittsvorbehalt im August 2020 in Höhe von EUR 3 Mio. mit einer Laufzeit bis 31. Juli 2021 ausgegeben, welche bis zum 10. August 2020 in voller Höhe valutierte.“

Wie ging es weiter?

Zwar ist im Geschäftsbericht jetzt von einer „Unsicherheit“ in Bezug auf die Liquidität die Rede. Allerdings rechnete CRX Markets „zum Zeitpunkt der Erstellung des Berichts“ (das war Ende August) trotz Corona „nicht mit einer wesentlichen Beeinträchtigung der Geschäftstätigkeit“. Wörtlich heißt es:

„Auch während dem Höhepunkt der Corona Pandemie in Deutschland in den Monaten März und April 2020 konnten weiterhin ansteigende Finanzierungsvolumen der bestehenden Kunden verzeichnet werden. Dieser Trend setzte sich bis zum Berichtszeitpunkt fort und CRX konnte im Juli 2020 in Hinblick auf das Finanzierungsvolumen den bisher erfolgreichsten Monat der Firmengeschichte ausweisen.“

Der Prognosebericht endet mit den Worten:

„Der Ausbau der Geschäftstätigkeit wird sich planungsgemäß im Jahr 2020 fortsetzen. Insgesamt erwartet der Vorstand im Vergleich zum abgelaufenen Geschäftsjahr eine starke Zunahme der Provisionserträge für das Jahr 2020, aber aufgrund der steigenden Kosten ein weiterhin negatives Jahresergebnis, das im Vergleich zum Jahr 2019 etwas geringer ausfallen sollte. Es sind gegenwärtig, mit Ausnahme des Liquiditätsrisikos […], keine Einzelrisiken oder Risikokonzentrationen zu erkennen, die den Fortbestand des Unternehmens heute oder zukünftig gefährden könnten.“

Und wie geht es jetzt weiter?

Das „Liquiditätsrisiko“ würde spätestens dann zum Thema, wenn im kommenden Juli das Gesellschafterdarlehen ausläuft. Um vorzubeugen, bereitet CEO Lutz nun jenes Funding vor, das zu Beginn des Jahres abgeblasen wurde. „Der Oktober war mit einem Finanzierungsvolumen von rund 500 Mio. Euro unser bislang stärkster Monat“, sagt er im Gespräch mit Finanz-Szene.de, alles in allem werde sich das Volumen von rund 2,5 Mrd. Euro im Vorjahr auf rund 5 Mrd. Euro verdoppeln.

Was das für die Erträge bedeutet? Im Finance-Forward-Podcast nannte Lutz neulich eine Spannbreite von 2,5 Mio. bis 3 Mio. Euro, gegenüber Finanz-Szene.de räumt er ein, dass das tendenziell ein bisschen hoch gegriffen war. 2,5 Mio. Euro allerdings seien „durchaus realistisch“.

Irgendwann im ersten Halbjahr 2020 sollte dann also die Kunde von der erfolgreich abgeschlossenen Finanzierungsrunde kommen. Hoffentlich.

NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Share

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on xing