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Challenger erleidet Mega-Schiffbruch im deutschen Kreditkartenmarkt

Die Geschichte vom schwierigen Kreditkartenmarkt haben wir zuletzt dermaßen oft erzählt, dass wir sie inzwischen selbst nicht mehr hören können. Los ging es mit dem Niedergang des Co-Branding-Modells (siehe hier). Irgendwann wurde Barclays zum Verkauf gestellt (siehe hier) und bei der Hanseatic Bank selbiges zumindest geprüft (siehe hier). Die Solarisbank bekam das Funding für den ADAC-Kreditkarten-Deal nicht beisammen (siehe hier). Und zwischendurch verschwanden dann auch noch die Affiliate-Programme (siehe hier), bevor Barclays die bedingungslos kostenlose Kreditkarte sogar ganz abschaffte (siehe hier). Wundert es da, dass wir zwischenzeitlich auch noch vermeldeten, die Zahl der Kreditkarten hierzulande sei 2022 um erstaunliche 1,7 Mio. Stück zurückgegangen (siehe hier)?

Gleichwohl: Auch ein schwieriger Markt kann verlockend sein. Von wegen Disruption und so. Und also betrat den Markt vor ziemlich genau zwei Jahren ein gänzlich neuer Player – der zwar nicht unbedingt innovativ daherkam (die Produktpalette bestand neben Karte noch aus Einlagen und Kredit), aber im Marketing ungemein aggressiv. Und da die Platzhirsche fast parallel ihre Werbebudgets herunterfuhren, vereinigte der Challenger (so jedenfalls der Eindruck in der Branche) schon bald einen beträchtlichen Teil des Neugeschäfts auf sich.

Zuletzt jedoch – ging die Präsenz des neuen Players merklich zurück. Und es fragt sich natürlich: Wieso?

Bei dem in Rede stehenden Unternehmen handelt es sich um die Bank Norwegian (siehe in unserem Archiv –> Norweger-Bank mit <30% CI-Ratio legt Deutschland-Start hin) – wobei man genau genommen nicht von „Unternehmen“, sondern von „Brand“ sprechen sollte. Vor einiger Zeit wurde die Bank Norwegian nämlich von der schwedischen Noba Gruppe übernommen.

Was wir also gemacht haben – wir haben uns einfach mal die Quartalsberichte dieser Noba Gruppe vorgeknöpft. Und geradezu Unglaubliches entdeckt.

Von Anfang Januar 2022 bis Ende September 2023 (also über einen aussagekräftigen Zeitraum von 21 Monaten) haben die Schweden für jeden in ihrem kontinentaleuropäischen Geschäft kreditierten Euro eine zusätzliche Risikovorsorge von 21 Cent (!!!) bilden müssen. Entsprechend fallen auch die operativen Zahlen der entsprechenden Einheit tiefrot aus …

in Mio. Euro* 2021 2022 2023 9M
Kreditvolumen 40,5 154,9 194,1
Zinsüberschuss 4,1 9,8 8,4
Erträge gesamt 4,1 9,7 8,5
Aufwand -3,5 -17,4 -11,8
operativer Gewinn vor Risikovorsorge 0,6 -7,7 -3,4
Risikovorsorge -0,3 -17,2 -22,9
Gewinn nach Risikovorsorge 0,4 -24,8 -26,3

*umgerechnet mit dem aktuellen Wechselkurs schwedische Kronen/Euro

–––

Nun sind diese Zahlen natürlich sehr wild und damit erklärungsbedürftig:

  • Es handelt sich tatsächlich nicht um die Zahlen der gesamten Noba Gruppe, sondern ausschließlich um das als Bank Norwegian betriebene Kontinentaleuropa-Geschäft
  • Kontinentaleuropa bedeutet in diesem Fall konkret: Deutschland und Spanien
  • Der krasse Sprung im Kreditvolumen von 2021 auf 2022 erklärt sich dadurch, dass die Bank Norwegian in beiden Märkten erst im Herbst 2021 an den Start ging

Was nun auffällt, ist Folgendes:

  • 2022 schoss der Aufwand in die Höhe und fiel entsprechend ein deutlicher operativer Verlust an (aufgrund mutmaßlicher Anlaufkosten beides völlig normal)
  • Erstaunlicherweise gelingt es der Bank Norwegian weder 2022 noch 2023, das drastisch gestiegene Kreditvolumen in höhere Zinsüberschüsse umzumünzen; auch darüber hinaus fallen keine Erträge an, und zuletzt stiegen die Zinsaufwendungen relativ betrachtet – bedingt durch die Kampfkonditionen bei den Einlagen – sogar schneller als die Zinserträge
  • Und dann fällt natürlich die Risikovorsorge ins Auge – 23 Mio. Euro per 9M in 2023 bei einem Kreditvolumen von nicht mal 200 Mio. Euro

Nun könnte es natürlich theoretisch sein, dass die Risikovorsorge weit überwiegend in Spanien angefallen ist – nicht in Deutschland. Allzu wahrscheinlich ist das in der Realität allerdings nicht. Zumal die Bank Norwegian ihren eigenen Ausführungen zufolge die Neukreditvergabe zuletzt in beiden kontinentaleuropäischen Märkten eingestellt hat.

Nun lässt sich zwar nicht klären, ob die Risikovorsorge vor allem für die Kartenkredite oder für die Ratenkredite anfiel. Die Noba-Bank präzisiert dies nicht und erklärt auf Nachfrage, aufgrund der Annualisierung der Risikovorsorge läge diese bei 17% und nicht 21% des Kreditvolumens – gibt aber zu, auch das sei „viel zu hoch“.  Wenn man traditionelle Akteure herausfordere, sei es aber üblich, anfangs hohe Kreditverluste einzufahren – und als neuer Spieler ohne Historie in dem Markt „braucht es Zeit, Daten zu sammeln und Kundenverhalten zu verstehen“.

Verbürgt ist, dass sich insbesondere die Wettbewerber im Kreditkarten-Markt schon länger über die Neukundenstrategie der Bank Norwegian wunderten. Von einem „Staubsauger“ war spöttisch die Rede, der Kunden onboarde, die anderswo gar nicht erst bedient würden.

Erinnert sei in diesem Zusammenhang an unser eigenes Stück –> Die kostenlose Kreditkarte – ein Geschäftsmodell stößt an seine Grenzen aus dem September. Damals schrieben wir:

„Wenn man dieser Tage „Kostenlose Kreditkarte“ bei Google eintippt, ist von den langjährigen Platzhirschen jedenfalls weit und breit nichts zu sehen. Stattdessen kommt der oberste gesponserte Link auffallend oft von der „Bank Norwegian“, einem Newcomer hierzulande, der zu mutmaßlichen Spottpreisen jetzt einfach mal auf Kundenfang hierzulande zu gehen scheint. Wenigstens einer, der in der kostenlosen Kreditkarte noch ein Geschäftsmodell sieht.“

Aus heutiger Sicht muss man möglicherweise sagen: sah!

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