von Juan Félix Manzano Vela*, 9. Februar 2026
Die Bargeldnutzung in Deutschland hat in den letzten Jahren stark abgenommen, für immer mehr Konsumenten wird beim Bezahlen „Digital“ zum neuen Normal. Wäre ein Ende des Bargelds denn überhaupt ein Problem?
Ja. Denn eine bargeldlose Gesellschaft ist anfälliger für externe Schocks und erschwert die soziale Teilhabe für vulnerable Gruppen.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: In den letzten 20 Jahren hat sich die Bargeldzahlung in Deutschland umsatzabhängig halbiert und ist im stationären Handel laut EHI im Jahr 2024 auf knapp 34% geschrumpft. 2025 dürfte sich dieser Trend fortgeführt haben. Die Deutschen, lange als hartnäckige Befürworter der Bargeldzahlung bekannt, haben sich in den Coronajahren neu orientiert – und sind danach größtenteils dabeigeblieben. Das Bargeld steht dabei längst nicht mehr nur mit der klassischen „EC-Karte“ in Konkurrenz, sondern zunehmend auch mit dem Smartphone und anderen digitalen Endgeräten.
Während elektronische Zahlungen mehr Transparenz erzeugen und digitale Spuren die Bekämpfung bestimmter Formen von Schwarzgeld und Steuerhinterziehung erleichtern, ermöglicht Bargeld anonyme Zahlungen – worin einige Verbraucher in Bezug auf Kontrolle und Privatsphäre einen klaren Vorteil sehen. Dieser Gegensatz zeigt sich aktuell in der Inhalts- und Akzeptanzdebatte rund um den digitalen Euro. Initiativen wie der digitale Euro und die elektronische Brieftasche der EU (eIDAS/EUDI-Wallet) werden diesen Trend – und wahrscheinlich auch Verschwörungstheorien rund um eine „beabsichtigte“ Abschaffung des Bargelds durch düstere Mächte – weiter befeuern.
Trotz dieser Entwicklung bleibt Deutschland im europäischen Vergleich beim digitalen Bezahlen weiterhin nur Mittelmaß, während beispielsweise Schweden bereits heute in weiten Teilen als „cashless society“ gilt, in der Münzen und Scheine nahezu keine Rolle mehr spielen. Doch hat hier Deutschland gegenüber anderen Ländern tatsächlich etwas „aufzuholen“? Oder ist die nach wie vor vergleichsweise hohe Bargeldnutzung eher eine Stärke? Denn in vielen europäischen Ländern – vor allem denjenigen, die das Bargeld in den vergangenen Jahren weitgehend aus dem Wirtschaftsleben verbannt haben – rücken die Vorteile dieses Zahlungsmittels in letzter Zeit wieder ins öffentliche Bewusstsein.
Am 28. April 2025 legte ein großflächiger Stromausfall in Spanien und Portugal das öffentliche Leben lahm – und machte dabei nur allzu deutlich, wie verwundbar eine durchdigitalisierte Gesellschaft ist. Wer kein Bargeld zur Hand hatte, stand buchstäblich mit leeren Händen da. Vor dem Hintergrund wachsender geopolitischer Spannungen sind Ereignisse wie dieses äußerst problematisch, denn Hackerangriffe auf kritische Infrastrukturen sind zum festen Bestandteil moderner Kriegsführung geworden. Der Blackout in Berlin Anfang dieses Jahres bescherte knapp 50.000 Haushalten fünf Tage ohne Strom, Heizung und warmes Wasser. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe rät für solche Fälle deshalb in seinem offiziellen Notfallratgeber, eine „ausreichende Menge Bargeld“ zu Hause aufzubewahren.
Zu dieser Funktion des Bargelds als „Notfallzahlungsmittel“ kommt eine weitere wichtige hinzu – die Ermöglichung sozialer Teilhabe. Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen warnt etwa vor einer schleichenden Diskriminierung älterer Menschen durch die zunehmende Digitalisierung des Zahlungsverkehrs. Eine Gesellschaft, die auf Bargeld verzichtet, riskiert die Ausgrenzung derer, die aus verschiedenen Gründen darauf angewiesen sind. Das betrifft natürlich auch andere vulnerable Gruppen, wie z. B. Obdachlose und Menschen ohne Wohnsitz, Geflüchtete, Kinder und Jugendliche etc., für die Bargeld essenziell sein kann. In anderen Bereichen der fortschreitenden Digitalisierung wurde mit dem Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) Sorge getragen, dass Hürden abgebaut werden; diese Rolle übernimmt ebenfalls Bargeld als „barrierefreies Zahlungsmittel“.
Wie also sollte die Bezahlwelt der Zukunft aussehen? Wir glauben, dass es vor allem auf die richtige Balance ankommt: Während eine Rückkehr zum Bezahlregime der 1990er Jahre weder realistisch noch wünschenswert ist, stellt nach unserer Auffassung die bargeldlose Gesellschaft ebenfalls kein Ideal dar, das wir in Deutschland anstreben sollten. Die Lösung liegt vielmehr, wie so oft, in einem klugen Sowohl-als-auch. Und ähnlich dem Aktienmarkt ist auch hier Diversifizierung das Zauberwort, um sich auch hier gegen die verschiedenen Risiken und Einflüsse abzusichern: Digitale Innovation fördern, ohne bewährte analoge Strukturen aufzugeben. Bargeld nicht als Relikt der Vergangenheit betrachten, sondern als Instrument zur Stärkung der Resilienz und der Förderung von Teilhabe. Eine sinnvolle Balance zwischen digitalen Zahlungswegen und dem Bargeld zu finden, bedeutet dabei vor allem: Dem Konsumenten eine Wahl zu lassen, auf welche Weise er bezahlen will. Auf der anderen Seite darf sich der Handel als Akzeptanzseite nicht (noch) abhängiger von wenigen Anbietern machen. Die Marktmacht von Zahlungsdienstleistern, Schemes und Big Techs darf nicht größer werden und auch nicht die Abhängigkeit von deren Verfügbarkeit und Preismodellen. Dies gilt umso mehr vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte um eine größere Unabhängigkeit Europas von den auch im Zahlungsverkehr stellenweise dominierenden USA.
Doch auch eine rein ökonomische Betrachtung spricht für das Bargeld: Für den stationären Einzelhandel ist es auf die Transaktion bezogen das günstigste Zahlungsmittel, wie die Deutsche Bundesbank gerade erst in einer Studie berichtet hat. Das gilt selbst, wenn man neben den monetären Kosten (z. B. Gebühren, Entgelte, Gerätekosten) auch nicht-monetäre Kosten (Zeitaufwand, vor allem die durchschnittliche Kassierzeit pro Zahlungsvorgang) berücksichtigt. Die girocard ist dagegen mit durchschnittlich 1% des Umsatzes das effizienteste Verfahren, wenn die Kosten ins Verhältnis zum Umsatz gesetzt werden. Internationale Debit- und Kreditkarten, also insbesondere Mastercard und Visa, schneiden – so die Studie – schlechter ab als Bargeld und Girokarte und belasten den Handel vor allem durch höhere Gebühren.
Auch dies ist vermutlich ein Grund dafür, dass Bargeld eine im Vergleich sehr hohe Akzeptanzrate hat. Der Effekt geht aber auch in die andere Richtung: In Ländern mit einer rückläufigen Bargeldinfrastruktur steigen die Kosten pro Bargeld-Transaktion, wie Zahlen aus Norwegen und den Niederlanden belegen. Hierzu schreibt die Studie: „Der beobachtete Anstieg der Stückkosten dürfte unter anderem darauf zurückzuführen sein, dass mit dem Abbau der Bargeldinfrastruktur längere Wege sowie höhere Gebühren anfielen und sich fixe Kosten auf eine geringere Zahl von Transaktionen verteilten.“ In Deutschland sind dagegen trotz Prozesskosten durch beispielsweise Zeiten für Kassenschluss, -prüfung, Geldtransporte usw. die Gesamtkosten bei der Bargeldnutzung am niedrigsten. Eine weitere Studie von 2025 der „ibi research“ bestätigt dieses Ergebnis, hier schneiden die Kredit- und Debitkarten kostentechnisch sogar noch etwas schlechter ab.
Damit die Wahlfreiheit für den Konsumenten aber auch praktisch gegeben ist, muss zunächst einmal die Verfügbarkeit des Bargeldes sichergestellt werden. Besonders in strukturschwachen Regionen sind dabei angesichts eines grobmaschiger werdenden Filialnetzes der Geschäftsbanken innovative Konzepte und Kooperationsmodelle mit Nicht-Banken gefragt: Bereits heute übernehmen Supermärkte, Discounter und sogar lokale Bäckereien die Rolle von Bargeld-Servicepunkten – diese Kooperationen gilt es zu fördern.
Außerdem sollte das Abheben von Bargeld für die Konsumenten gebührenfrei sein. Denn ein gewichtiger Grund für die sinkende Bargeldnutzung sind die Gebühren am Geldautomaten. Bei „bankenfremden“ Automaten werden für den Konsumenten oft happige Gebühren fällig – nicht selten zwischen 4 und 6 Euro pro Abhebung. Eine mögliche Lösung wäre ein gesetzlich verankertes Recht auf eine Mindestanzahl an gebührenfreien Bargeldabhebungen im Inland – unabhängig davon, welche Bank den Automaten betreibt. In der Konsequenz könnte es allerdings dazu führen, dass es noch weniger GAA gibt, weil die Banken noch weniger Motivation haben und ggf. keinen Benefit sehen, diese Automaten weiterhin aufzustellen und zu betreiben.
Im Rahmen des Gesetzgebungsverfahren zur Einführung eines digitalen Euros soll die Akzeptanzpflicht von Bargeld gesetzlich verankert werden. In der praktischen Umsetzung ist dabei jedoch bislang noch so manche Frage ungeklärt: Denn einer Pflicht zur Bargeld-Akzeptanz können privatwirtschaftliche Vereinbarungen der Händler gegenüberstehen, die über ihre Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) bestimmte Zahlungsarten ausschließen. Ein Schild „Nur Kartenzahlung“ am Eingang eines Restaurants genügt rechtlich gesehen bereits – wer eintritt, akzeptiert diese Bedingung konkludent. Wie wirksam kann aber eine gesetzliche Bargeldakzeptanzpflicht sein, wenn sie sich durch privatrechtliche Vereinbarungen faktisch aushebeln lässt? Diese Frage wurde bislang weder von der EU-Kommission noch vom deutschen Gesetzgeber abschließend beantwortet.
Die Debatte um Bargeld versus digitale Zahlungen ist mehr als nur eine Frage der Bequemlichkeit – sie berührt grundlegende Aspekte unserer gesellschaftlichen Resilienz, der Teilhabe aller Bevölkerungsgruppen und letztlich auch unserer finanziellen Souveränität. Auch wir Verbraucher entscheiden dabei durch unser tägliches Handeln mit, welchen Weg unsere Gesellschaft in dieser Frage einschlägt. Jeder Einkauf, jede Bezahlentscheidung ist auch ein kleines Statement. Die Renaissance des Bargelds – oder sein schleichender Niedergang – liegt damit nicht allein in den Händen von Gesetzgebern und Banken, sondern, und zwar buchstäblich, auch in den Händen der Verbraucher.
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*Juan Félix Manzano Vela ist Managing Partner bei der auf Payment-Themen spezialisierten Unternehmensberatung Osthaven. Osthaven gehört zu den Premium-Partnern von Finanz-Szene. Mehr zu unserem Partner-Modell erfahren Sie hier.
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