von J. Bringezu, S. Ptak, F. Wehr & A. Zervas*, 26. Mai 2026
Die Welt ist heute vernetzt wie nie zuvor. Unternehmen bestellen weltweit, Menschen arbeiten über Grenzen hinweg, Kapital bewegt sich in Sekunden und digitale Plattformen haben internationale Geschäftsbeziehungen zum Alltag gemacht. Nur im Zahlungsverkehr wirkt vieles noch so, als hätte die Globalisierung an einer Zollstation Halt gemacht. Dabei ist der Zahlungsverkehr die Lebensader allen wirtschaftlichen Handelns.
Genau das ist das Kernproblem im Cross-Border-Payments: Im EU-Binnenraum hat der Zahlungsverkehr mit SEPA einen hohen Grad an Standardisierung und Geschwindigkeit erreicht. Außerhalb davon dominieren jedoch weiterhin SWIFT, Korrespondenzbanken und ein historisch gewachsenes Netzwerk aus Zwischenstationen, das Zahlungen verlangsamt, verteuert und verkompliziert. Für Kunden fühlt sich das an wie ein Systembruch. Und für Banken wird dies zunehmend zu einem Wettbewerbsproblem.
Der grenzüberschreitende Zahlungsverkehr europäischer Banken basiert auf zwei Pfeilern. Innerhalb des SEPA-Raums funktionieren Euro-Zahlungen standardisiert, günstig und fast so einfach wie eine Inlandsüberweisung. Bei Zahlungen außerhalb dieser Region oder in Fremdwährung werden diese meist über SWIFT und Korrespondenzbanken abgewickelt.
SEPA ist damit nicht nur ein technischer Erfolg, sondern definiert eine Erwartungshaltung. Wer heute in Regionen mit Instant oder Fast Payment Schemes erlebt, dass Zahlungen schnell, planbar und transparent abgewickelt werden, erwartet dieselbe Qualität auch bei grenzüberschreitenden Zahlungen. Genau hier beginnt die Reibung. Denn das globale Zahlungsverkehrssystem ist nicht annähernd so integriert wie die digitale Wirtschaft, die darauf aufbaut.
Bei Cross-Border-Payments treffen Kunden auf ein Modell, das zwar funktional, aber strukturell überholt ist. Eine Zahlung kann mehrere Intermediäre und unterschiedliche Prüfungen durchlaufen und an verschiedenen Stellen Kosten verursachen: Fremdwährungsentgelte, SWIFT-Gebühren, Korrespondenzbankgebühren und häufig ungünstige Wechselkurse. Am Ende steht oft ein Ergebnis, das für den Auftraggeber kaum nachvollziehbar, dafür aber kostenintensiv ist.
Besonders kritisch ist die Gebührenlogik. Bei der Standardoption „SHARE“ werden die Kosten zwischen Sender und Empfänger aufgeteilt. Das führt in der Praxis oft zu Überraschungen auf Empfängerseite. Wer eine Zahlung erwartet, bekommt weniger als geplant, ohne dass die Differenz transparent wird. Genau diese Intransparenz ist einer der Hauptgründe, warum der Auslandszahlungsverkehr einen schlechten Ruf hat und immer häufiger nach Alternativen gesucht wird.
Auch bei der Laufzeit zeigt sich eine deutliche Kluft zwischen Inland und Ausland. SEPA-Überweisungen benötigen typischerweise einen Bankarbeitstag. Instant Payments gemäß EU-Echtzeitverordnung 2024/886 sind in Sekundenschnelle beim Empfänger. Internationale Zahlungen über SWIFT dauern dagegen häufig zwei bis fünf Bankarbeitstage, in komplexen Ketten auch länger.
Die Ursache liegt nicht nur in der technischen Infrastruktur, sondern in der Prozessarchitektur. Fragmentierte Abläufe, manuelle Compliance-Prüfungen und mehrere Zwischenstationen verlängern die Abwicklung. Für Banken mag das historisch erklärbar sein. Für Kunden ist es schwer nachvollziehbar. Im Zeitalter von Echtzeitkommunikation und digitalem Tracking wirkt ein mehrtägiger Zahlungsweg archaisch.
Der Versuch vieler Banken, das Problem über bessere Oberflächen, Statusanzeigen oder Serviceversprechen abzufedern, ist zwar sinnvoll, aber nicht ausreichend. Denn die eigentliche Schwäche liegt tiefer: in der Rail-Architektur selbst. Solange Zahlungen über mehrere Zwischenstufen laufen, bleibt der Prozess träge, teuer und nicht immer transparent.
Genau hier liegt auch der strategische Schmerzpunkt. Cross-Border Payments sind längst nicht mehr nur ein operatives Thema. Sie beeinflussen Kundenerlebnis, Markenwahrnehmung, Ertragsqualität und Bindung. Wenn eine Bank bei internationalen Zahlungen als langsam, unklar oder teuer wahrgenommen wird, fällt das auf das gesamte Geschäftsmodell zurück. Die Zahlungsstrecke wird damit zum stillen Indikator für Modernität oder Rückständigkeit einer Bank.
Der Druck auf das bestehende Modell wächst von mehreren Seiten gleichzeitig – und er ist diesmal nicht nur technologischer, sondern explizit politischer Natur. Die EZB adressiert mit ihrer „Eurosystem’s Comprehensive Payments Strategy“ die Lücken im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr und fordert stärkere europäische Souveränität. Die G20 hat mit ihrer „Roadmap for Enhancing Cross-Border Payments“ erstmals verbindliche Ziele für Kosten, Geschwindigkeit und Transparenz bis 2027 formuliert, entwickelt unter Einbindung von FSB, BIS und IWF. Flankiert wird das durch ISO 20022, die EU-Echtzeitverordnung und den wachsenden Wettbewerbsdruck durch spezialisierte Fintechs.
Was früher als unvermeidbare Komplexität galt, wird heute als messbares Servicedefizit bewertet – und zwar nicht nur von Kunden, sondern auch von Regulatoren und Zentralbanken weltweit.
Hinzu kommt: Cross-Border-Payments sind keine Nische mehr. Sie sind Teil von Lieferketten, E-Commerce, Plattformökonomien, internationalem Handel und individueller Mobilität. Je stärker Wirtschaft und Alltag grenzüberschreitend funktionieren, desto unpassender wirkt ein Zahlungsverkehr, der an nationalen und infrastrukturellen Grenzen hängen bleibt.
Zumal durch die in den letzten Monaten abgeschlossenen bilateralen Handelsabkommen der EU (mit Australien, Indien und den Mercosur-Staaten) eine Zunahme des Handels mit diesen Regionen zu erwarten ist. Hier zeigt das Angebot deutscher Banken und Sparkassen, dass Zahlungen nach Australien problemlos möglich sind, Zahlungen nach Indien noch mit Einschränkungen funktionieren, aber Zahlungen in südamerikanischen Währungen (außer teilweise BRL bei Großbanken) kaum bis gar nicht direkt verfügbar sind und USD-Zahlungen als praktikable Alternative genannt werden.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob der internationale Zahlungsverkehr modernisiert werden muss. Das ist längst offensichtlich. Die Frage lautet, welche Payment Rails echte Verbesserungen liefern können und welche Rolle Banken dabei künftig einnehmen wollen.
Denn die Zukunft wird sehr wahrscheinlich nicht von einer einzigen, allumfassenden Lösung geprägt sein. Eher entsteht ein Multirail-Umfeld, in dem unterschiedliche Netzwerke, Regionen und Technologien nebeneinander bestehen. Der Wettbewerbsvorteil liegt dann nicht mehr allein im Besitz der Rail, sondern in der Fähigkeit, sie intelligent zu orchestrieren. Wer das Kundenerlebnis über mehrere Systeme hinweg nahtlos gestalten kann, wird gewinnen.
Die Welt ist also tatsächlich ein Dorf. Nur im Zahlungsverkehr ist sie es noch nicht. Und genau deshalb sind Cross-Border-Payments heute kein Randthema mehr, sondern eine strategische Frage von Relevanz, Ertrag und Zukunftsfähigkeit.
To be continued…
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* Jan Claas Bringezu ist Managing Partner, Sven Ptak ist Consultant und Fabian Wehr sowie Aris Zervas sind Senior Consultants bei der auf Payment spezialisierten Unternehmensberatung Gravning. Gravning gehört zu den Content-Partnern von Finanz-Szene. Mehr Informationen zu unserem Partner-Modell finden Sie hier.
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