Kurz gebloggt

Warum die starken Girocard-Zahlen soooo stark dann doch nicht sind

Mit uns und der Girocard ist es ein wenig wie mit dem Verliebten, der sich der Gegenliebe der Angebeteten nicht gewiss ist und der deshalb die Blütenblätter abzupft und vor sich hin murmelt “Sie liebt mich … Sie liebt mich nicht … “. Beispiele aus unserem Archiv gefällig? Gerade mal ein Jahr ist es her, dass wir mit dem uns eigenen Hang zum Apodiktischen “Die Wachstumsstory der Girocard kommt an ihr Ende” titelten – nur um sechs Monate später festzuhalten: “Girocard gewinnt im zweiten Halbjahr wieder an Traktion.”

Neulich dann sahen wir uns durch die große Payment-Studie der Bundesbank in unserem (unumstößlichen!!!) Urteil bestätigt, dass die Girocard merkliche Marktanteilsverluste erleidet – nur um gestern Vormittag dann doch wieder ins Schwanken zu geraten. Da nämlich präsentierte die Euro Kartensysteme (also die “EKS” abgekürzte bankeneigene Betreibergesellschaft der Girocard) die Zahlen fürs erste Halbjahr. Und die lesen sich zumindest auf den ersten Blick ganz hervorragend: Transaktionen um 17% rauf auf 3,17 Mrd. Stück; und die Umsätze sogar um 18% rauf auf 134 Mrd. Euro.

Wie passt das alles zusammen? Und passt es überhaupt zusammen? Ein paar Anmerkungen:

  • 1.) An den EKS-Zahlen zu zweifeln verbietet sich. Schließlich handelt es sich um harte Transaktionszahlen, die man schon ebenso hart manipulieren müsste, um sie in die gewünschte Richtung zu bewegen;
  • 2.) Womöglich ist es mit der zuletzt von uns vermuteten Stabilisierung der Cash-Nutzung auf niedrigem Post-Corona-Niveau so weit dann doch nicht her;
  • 3.) Zwar ist offensichtlich, dass immer mehr kundenstarke Banken – etwa: die ING, die DKB oder die Comdirect – bemüht sind, die Girocard durch die Debitkarten von Visa bzw. Mastercard zu substituieren; bis sich diese Strategie merklich in den Portemonnaies der Kunden niederschlägt, dürfte allerdings noch ein wenig Zeit ins Land ziehen (liebe Nachwuchs-Payment-Nerds: Falls Ihr mit dem Begriff “Portemonnaie” nichts anzufangen wisst: Er stammt aus dem Französischen, bedeutet so viel wie lederne Wallet – und hingehören täte das “Portemonnaie” eigentlich in die rechte Gesäßtasche der Chino-Hose, die Euch der “Outfittery”-Onkel in die Box gelegt hat)
  •  und vor allem 4.) Wenn man sich die EKS-Zahlen auf der Zeitleiste anschaut, dann fällt auf, dass es im H1 2021 einen corona-bedingten, auffälligen Ausreißer nach unten gab. Sprich: Dass der H1/22-Zuwachs so stark ausfällt, hat auch ganz, ganz schlicht mit Basiseffekten zu tun. Bezeichnend: Würde man die aktuellen Zahlen mit den H2/21-Zahlen vergleichen (was aufgrund saisonaler Effekte freilich auch nur bedingt statthaft ist), wäre kein Zuwachs zu konstatieren, sondern ein Rückgang von 1% bei den Transaktionen und von 4% beim Umsatz.

Finanz-Szene geht ab Oktober hinter die Paywall ...

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