Fintech-Jobmarkt-Analyse (I)

Das Schrumpfen von N26 – und welche Fintechs weiter wachsen

15. Oktober 2020

Von Heinz-Roger Dohms

Als wir im Februar (mit freundlicher Unterstützung der Personalberatung Cribb) unsere große Fintech-Job-Studie erstellten, da war die Welt noch eine andere. Fast 1700 Jobs hatten hiesige Finanz-Startups damals ausgeschrieben (Ur-Fintechs wie Hypoport nicht mitgezählt), die Zeichen standen auf Boom, Boom und nochmal Boom. Was folgte, ist bekannt – nämlich Corona. Der Jobmarkt fror ein, etliche Fintechs stellten auf Kurzarbeit um, mancherorts kam es zu Entlassungen, einige wenige Anbieter zogen sich sogar vom Markt zurück.

Indes: Auch dieser Zustand war nicht von Dauer. Nach Boom und Bust befinden wir uns mittlerweile in einer Phase, in der viele Finanz-Startups wieder (vorsichtig) wachsen, während anderen der Corona-Schock weiterhin zu schaffen macht. Daneben wiederum gibt es auch solche, die (wenn man genau hinschaut) ihr Tempo schon vor Corona verlangsamt haben. Jedenfalls – auf Basis ihrer jeweils eigenen Linkedin-Präsenzen haben wir bei gut 100 ausgewählten deutschen Fintechs untersucht, wie sich über die vergangenen sechs bzw. zwölf Monate die Mitarbeiterzahl entwickelt hat.

Ist diese Methode perfekt? Nein, sicher nicht. Allerdings erschienen uns alternative Erfassungsmethoden nicht unbedingt sinniger. Gleichwohl finden Sie – nach den wesentlichen Erkenntnissen und den Tabellen mit den größten Job-Schaffern und Job-Abbauern und der Tabelle mit den 100 größten deutschen Fintechs – weiter unten noch ein paar methodische Anmerkungen.

Die wesentlichen Erkenntnisse

[Anmerkung: Punkt 6 wurde nachträglich um die Stellungnahme von Deposit ergänzt, Punkt 14 wurde nachträglich hinzugefügt]

  1. Das große Job-Massaker ist ausgeblieben. Für jene 70 Fintechs, bei denen sich die heutigen Zahlen mit denen aus dem April vergleichen lassen, zählt Linkedin exakt 10.041 Mitarbeiter, das sind sogar fast 300 mehr als vor sechs Monaten. Gleichwohl: Wie weiter unten in den „methodischen Anmerkungen“ erläutert, vermuten wir, dass die realen Zahlen etwas schlechter sind als die von Linkedin ermittelten. Darum würden wir aus dem Bauch heraus eher davon ausgehen, dass die Beschäftigtenzahl sektorweit in etwa gleichgeblieben ist.
  2. Bei N26 geht’s eindeutig runter, und zwar auf 6-Monats-Sicht um 136 Mitarbeiter und auf 12-Monatssicht sogar um 141 Mitarbeiter. Heißt: Schon vor Corona scheint N26 nicht mehr gewachsen zu sein.
  3. Dagegen wächst Sumup – jedenfalls laut Linkedin – geradezu unaufhaltsam und deutlich stärker, als wir das zumindest für die Corona-Zeit erwartet hätten (siehe auch weiter unten die „methodischen Anmerkungen“).
  4. Bis auf Getsafe und Friday gehören die Insurtechs (Simplesurance, Coya, Ottonova, Element) nahezu geschlossen zu den Job-Abbauern der letzten Monate. Mag daran liegen, dass es gerade die Versicherungs-Fintechs waren, die in den 1-2 Jahren zuvor im Zuge großer Funding-Runden aufgestockt haben. Mag aber auch daran liegen, dass die „Corona bringt den ultimativen Digitalisierungsschub“-These bezogen auf das Versicherungswesen möglicherweise zu hinterfragen ist. Dazu passt ja auch, dass die Insurtechs mit der mutmaßlichen Ausnahme von Getsafe seit Corona nicht wirklich groß gefundet haben (die Finanzierung für Element war eher so mittelimposant)
  5. Ein Segment, dass eindeutig (und wenig überraschend) unter Corona zu leiden scheint, sind die Kredit-Fintechs. Auf 6-Monats-Sicht geht’s mehr oder weniger bei allen runter, namentlich Funding Circle (siehe oben), Monedo (in der vorläufigen Insolvenz), Compeon, Auxmoney, Fincompare, Finiata (kein Neugeschäft in Deutschland mehr) und Creditshelf. Ausnahmen sind Lendico (wobei Lendico als ING-Tochter ein Sonderfall ist) und wieder mal Billie.
  6. Beim Hamburger Einlagen-Broker Deposit Solutions zeigen die Zahlen auffallend deutlich nach unten, und zwar nicht nur auf 6-Monats-Sicht, sondern sogar noch deutlicher auf 12-Monats-Sicht und sogar noch deutlicher auf 18-Monats-Sicht. Aktuell steht das Fintech auf Linkedin bei 195 Mitarbeitern, laut eigener Website hat Deposit dagegen „mehr als 300“, nach mündlicher Auskunft sind es „rund 300“. Das Unternehmen erklärt das Delta vor allem mit outgescourcten Arbeitskräften, die beispielsweise von Indien aus für Deposit arbeiten würden. Die Gesamtzahl von rund 300 Mitarbeitern (inklusive der outgesourcten Kräfte) sei abgesehen von kleineren Schwankungen seit langem relativ konstant.
  7. Beruhigend mit Blick auf unsere eigene Arbeit finden wir, dass Fintechs, denen wir in den zurückliegenden Monaten sehr positive Rezessionen gewidmet haben (Trade Republic, Mambu, Solarisbank, Scalable Capital, Qplix …) tatsächlich auch zu den größten Netto-Job-Schaffern seit Corona zu gehören scheinen.
  8. Überrascht hat uns ehrlich gesagt, dass Bitwala so stark zulegt (irgendwie waren wir da immer etwas skeptisch). Der bemerkenswerte Anstieg bei Getsafe kommt angesichts des Einstiegs von Swiss Re zwar einerseits nicht überraschend – andererseits hätte man das den Heidelbergern vor 2-3 Jahren eher nicht zugetraut. Mit Vorsicht zu genießen ist wie immer Naga.
  9. Starke Pferde im Finleap-Stall sind (abgesehen von der Solarisbank) erwartungsgemäß Elinvar und Pair Finance (und vermutlich auch Clark, allerdings gibt es hier ein methodisches Problem, siehe unten die „methodischen Anmerkungen“) …
  10. … wohingegen man bei Finleap Connect womöglich mal ein klein bisschen konsolidiert hat und Joonko vielleicht mal ein bisschen auf Sicht gefahren ist. Neben Joonko scheinen uns auch Iconic Finance (auch wenn’s netto weiterhin nach oben geht) oder auch Vanta Beispiele von jungen Fintechs zu sein, die ihre Ambitionen im Zuge von Corona vorübergehend ein wenig gezügelt haben könnten
  11. Raisin ist Raisin – nämlich ein Fintech, dass seinem guten Ruf auch in der Job-Analyse wieder gerecht wird
  12. Bei Crowddesk müssen wir uns wieder mal entschuldigen. Warum haben wir die eigentlich nie auf dem Zettel?
  13. Moonfare gilt es zu beachten, IDNow und Stocard sowieso
  14. NDGIT beschwert sich, in der Tabelle weiter unten als „Job-Abbauer“ aufzutauchen. Statt Jobs abzubauen, habe man in den letzten Monaten sogar Stellen aufgebaut; und statt bei 32 Mitarbeitern (die es bei Linkedin sind) stehe man bei 46 Mitarbeitern. Die Diskrepanz erklärt NDGIT unter anderem damit, dass man den Fokus zuletzt eher auf IT-lastige Profile gelegt habe, „in denen Linkedin als Karriereseite keine so große Bedeutung hat wie etwa in Business Development“. Dass sich auch auf der Website von NDGIT nur 34 Mitarbeiter finden, wird damit begründet, dass man „aus Datenschutzgründen eine schriftliche und eindeutige Einwilligung der Mitarbeiter“ benötige. „Einige unserer Mitarbeiter möchten das nicht.“

und jetzt endlich zu den Tabellen (alles Zahlen sind absolute Zahlen) …

1.) Die größten Job-Schaffer (links) und Job-Abbauer (rechts) seit April 2020

Sumup 106   N26 -136
Trade Republic 94   Funding Circle Deutschland*
-32
Mambu 89   Monedo* (Kreditech) -31
Solarisbank 49   Deposit Solutions -16
Getsafe 30   Smava -15
Scalable Capital 24   Simplesurance -14
Naga 22   Coya -13
ID Now 20   Finleap Connect -12
Optile 18   Payworks -11
Friday 16   Wefox -10
Stocard 15   Compeon -9
Lendico 13   Ottonova -8
Penta 11   Kapilendo -8
Moonfare 11   Element -7
Crowddesk 11   Auxmoney -7
Pair Finance 11   CollectAI -6
Qplix 11   Fincompare -4
Elinvar 10   Orderbird -3
Billie 9   Finiata -3
Tomorrow 9   Creditshelf -3
Iconic Finance 9   Ambidexter (Yunar) -3

2.) Die größten Job-Schaffer (links) und Job-Abbauer (rechts) seit Oktober 2019

Sumup 460   N26 -141
Mambu 166   Funding Circle Deutschland GmbH -43
Trade Republic 146   Deposit Solutions -38
Solarisbank 82   Monedo (Kreditech) -36
Raisin 64   Coya -24
Lendico 48   Kapilendo -17
Getsafe 41   Simplesurance -9
Billie 40   Spotcap -9
ID Now 39   CollectAI -7
Scalable Capital 35   NDGIT (s.o. „Punkt 14“)
-7
Optile 32   Finleap -6
Iconic Finance 32   Orderbird -5
Crowddesk 28   Ottonova -5
Penta 26   Payworks -5
Friday 26   CAPiniside -4
Moonfare 25   Aevi -3
Naga 24   Compeon -3
Stocard 23   Gini -3
Elinvar 22   Fincite -3
Bitwala 21   Joonko -2
Creditshelf 19   Bonify -2
Tomorrow 19   Finiata -1

3. Die nach Mitarbeitern 100 größten deutschen Fintechs (abgesehen von denen, die wir vergessen haben)

Sumup 1838
N26 1411
Mambu 403
Solarisbank 348
Smava 318
Raisin 275
Monedo (Kreditech)* 266
Deposit Solutions 195
Wefox 190
Trade Republic 187
Aevi 175
Auxmoney 174
ID Now 168
Lendico 147
Finanzcheck 143
Scalable Capital 141
Finleap Connect 140
Finleap 138
Exporo 136
Penta 122
Billie 116
Getsafe 109
Element 109
Simplesurance 107
Naga 100
Friday 97
Moonfare 96
Orderbird 93
Ottonova 92
Optile 92
Elinvar 92
Fino 84
Friendsurance 81
Crosslend 79
Stocard 78
Bitwala 76
Compeon 75
WebID 72
Liqid 72
Creditshelf 71
Coya 70
Fincompare 69
Kontist 65
Crowddesk 63
CRX Markets 62
Ambidexter (Yunar) 57
Pair Finance 56
Tomorrow 54
Finiata 51
Optiopay 50
Spotcap 48
Kapilendo 48
Qplix 46
Funding Circle Deutschland*
45
Iconic Finance 44
Gini 43
Joonko 41
CollectAI 41
CAPiniside 40
Modifi 39
Finanzchef24 39
Companisto 35
Bonify 35
Traxpay 34
FintecSystems 34
finAPI 33
NDGIT (s.o. „Punkt 14“)
32
Fincite 31
Payworks 30
Ginmon 29
Visualvest 27
Zinsbaustein 26
Debitos 26
Treefin 25
Volders 24
Vexcash 24
Moneymeets 24
Bilendo 23
Acatus 22
Receeve 20
Investify Tech 20
Givve 20
Bitbond 20
Debtvision 18
Seedmatch One Crowd 16
Dwins (Finanzguru) 16
Billfront 16
Fundflow 15
Bergfürst 15
Authada 15
Trustbills 12
VC Trade 11
Growney 11
Nufin / Vanta 9
BANKSapi 9
WeAdvise 9
Paymill 8
Niiio 8
Giromatch 8
Finpair 8

Methodische Anmerkungen:

  • Zwar pflegen praktisch alle Fintechs eine eigene Linkedin-Präsenz. Allerdings können sie dort nicht einfach eine Mitarbeiterzahl angeben. Sondern: Linkedin addiert die Mitarbeiter, die sich auf ihren persönlichen Profilen als Beschäftigte ebenjenes Fintechs ausgeben. Will ein Fintech sich künstlich größer machen als es ist, geht das unserer Fantasie zufolge mithin nur über irgendwelche Formen von Fake-Profilen. Mag sein, dass es so etwas gibt, für extrem weit verbreitet halten wir es aber nicht.
  • Natürlich werden nur solche Mitarbeiter erfasst, die bei Linkedin auch tatsächlich sind. Wir würden schätzen, dass das bei den meisten Fintechs zumindest auf 80-90% der Belegschaft zutrifft. Niedriger dürfte die Quote dort sein, wo eine signifikante Anzahl von Mitarbeitern tendenziell einfachere Tätigkeiten ausführt (-> Call-Center -> WebID Solutions). Wie kommen wir darauf? Nun: Unser Eindruck oder zumindest unser Vorurteil ist, dass sich solche Beschäftigten tendenziell weniger stark als „Professionals“ sehen, die unbedingt auf Karriereportalen präsent sein müssen
  • Wenn wir weiter oben schreiben, dass „Linkedin addiert“, dann müssten wir eigentlich klären, wer „Linkedin“ in dem Fall denn eigentlich ist. Wir vermuten: Irgendein „Algorithmus“ oder so irgendwas andere Maschinelles / Automatisches / Künstliches … jedenfalls: kein Mensch. Unser Eindruck ist, dass die Zählungen weniger fehleranfällig sind als noch vor 1-2 Jahren, aber beileibe nicht perfekt. Heißt zum Beispiel: Irgendein Aufsichtsrat oder Beirat wird gern mal mitgezählt, auch wenn er kein Beschäftigter des Unternehmens ist. Wir glauben aber nicht, dass die Verzerrungen, die durch solche Fehler entstehen, das Gesamtergebnis grob verfälschen
  • Was Linkedin aber zum Beispiel nicht schafft: Die Mitarbeiter des Frankfurter Insurtechs Clark bei der Zählung von Mitarbeitern zu trennen, für Unternehmen arbeiten, die ebenfalls Clark heißen, aber mit dem Frankfurter Insurtech nichts zu tun haben. Darum haben wir Clark aus der Tabelle ausgeklammert. Nach eigenen Angaben hat der Online-Makler aktuell 238 Mitarbeiter – was auf 12-Monats-Sicht einem Zuwachs von 30% entspreche.
  • Wir vermuten, dass die größten Verzerrungen dadurch entstehen, dass Mitarbeiter, die nicht mehr für ein Unternehmen arbeiten, allerdings auch noch keine neue Stelle angetreten haben, bei Linkedin erst einmal weiter so tun, als würden Sie noch für das Unternehmen arbeiten. Hierdurch – glauben wir – sehen unsere Ergebnisse insgesamt ein bisschen positiver aus, als sie es eigentlich sind. Das mutmaßlich prägnanteste Beispiel: Funding Circle stellte im Frühjahr sein Deutschland-Geschäft ein, trotzdem finden sich bei Linkedin immer noch 45 Funding-Circle-Deutschland-Mitarbeiter. Zwar gibt es tatsächlich noch Funding-Circle-Deutschland-Mitarbeiter – nämlich jene, die sich um das Altgeschäft kümmern. Aber dass das 45 sind, glauben wir eher nicht.
  • Die allermeisten Ergebnisse erscheinen uns – gemessen am eigenen Bauchgefühl – plausibel. Ein ganz klein bisschen unwohl ist uns allerdings bei SumUp und Mambu, deren Wachstum wir nicht ganz sooooo stark eingeschätzt hätten
  • Wir haben uns wie fast immer bei unseren Rankings auf Fintechs beschränkt, die seit 2010 gegründet wurden. Ausnahmen haben wir (wie ebenfalls fast immer) für Auxmoney und Smava gemacht
  • Wir können nicht ausschließen, dass sich bei uns hier irgendein Fehler eingeschlichen hat. Sollte dies so sein, werden wir das korrigieren
  • *Monedo befindet sich in der vorläufigen Insolvenz, Funding Circle Deutschland betreibt kein Neugeschäft mehr

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