Analyse

Warum flieht N26 aus UK? Hier kommen die wahren Gründe

11. Februar 2020

Von Heinz-Roger Dohms

N26 bietet ein Bild des Widerspruchs dieser Tage. Da ist einerseits das famose Ertragswachstum, das jüngst publik wurde. Und andererseits der gestern verkündete Rückzug vom britischen Markt. Da sind einerseits die 50 Mio. bis 100 Mio. Kunden, die man vorgibt anzustreben. Und andererseits die von Finanz-Szene.de jüngst nachgewiesene Verlangsamung des Kundenwachstums. Wie, bitteschön, passt das alles zusammen? Und stimmt es wirklich, dass die Flucht aus UK allein dem Brexit geschuldet ist, wie das Berliner Milliarden-Fintech behauptet? Was man dazu wissen muss: Jahrelang fuhr N26 einen „Wachstum um jeden Preis“-Kurs, maßgeblich vorangetrieben von CEO Valentin Stalf. Inzwischen wachsen intern allerdings die Zweifel an dieser Strategie. Zu teuer, zu ineffizient, heißt es. Insofern: Natürlich hat der Rückzug aus dem UK-Geschäft auch mit dem Brexit zu tun – aber beileibe nicht nur! Hier ein FAQ, das hoffentlich plausibel macht, wie es zu der Entscheidung gekommen ist:

Was hat N26 gestern eigentlich genau verkündet?

Die gestern versandte Pressemitteilung beginnt mit dem Satz: „Nachdem Großbritannien am 31. Januar 2020 die Europäische Union offiziell verlassen hat, gibt N26 heute bekannt, dass das Unternehmen sein Geschäft auf dem britischen Markt einstellen wird.“ Die Konsequenz sieht so aus, dass die Mobile-Bank per Mitte April sämtliche Konten wird auf auslaufen lassen. „Kunden […] werden gebeten, etwaiges Guthaben bis dahin auf ein alternatives Bankkonto zu überweisen.“

Wie begründet N26 die Entscheidung?

Das Berliner Fintech begründet den Rückzug nicht nur explizit mit dem Brexit – sondern stellt es so dar, als habe es hierzu keine Alternative gegeben. Wörtlich heißt es: „Die politische Entscheidung hat […]  zur Folge, dass N26 die Kunden in Großbritannien in Zukunft nicht mehr bedienen kann.“ Und weiter: „Obwohl wir gezwungen sind, Großbritannien zu verlassen, werden wir […].“ (Hervorhebungen unsererseits)

Ist diese Begründung inhaltlich korrekt?

Wir sind keine Spezialisten für Aufsichtsrecht, würden dies aber gaaanz stark bezweifeln. Denn in jedem Fall hätte N26 eine Übergangsfrist zur Verfügung gestanden. Und darüber hinaus hätte es dem Berliner Fintech natürlich freigestanden, sich um eine britische Banklizenz zu bemühen. Tatsächlich liest sich die Sache in einem Statement, dass uns N26 am Abend auf explizite Nachfrage hin zukommen ließ, ein bisschen anders, als in der PM vom Nachmittag: „Als europäische Bank mit einer europäischen Banklizenz müssten wir komplexe regulatorische Maßnahmen umsetzen und Produktaktualisierungen vornehmen, um weiterhin in Großbritannien tätig sein zu können. Eine separate Lizenz für Großbritannien wäre mit einem erheblichen betrieblichen Aufwand und regulatorischer Komplexität verbunden“

Hat N26 den Brexit also nur als Vorwand genommen?

Jein. Insider berichteten uns gestern übereinstimmend, dass sich das UK-Geschäft von N26 eher enttäuschend entwickelt habe. Darauf deutete schon Anfang Dezember auch ein Beitrag des renommierten Wirtschaftsblogs „Sifted“ hin, den wir damals in unserem Newsletter verlinkt hatten. Unter Verweis auf die Aktivitäts-Werte bei iOS und Android hatten die Kollegen berichtet, dass N26 unter den Fintech-Apps auf dem britischen Marktgerade mal Rang 19 einnehme.

Warum hat N26 in UK nicht richtig Fuß gefasst?

Auf zwei Gründen. Der erste ist die Konkurrenzsituation. Während N26 hierzulande die erste und lange Zeit einzige echte Challenger-Bank war (ein USP von unschätzbarem Wert), hatten sich in Großbritannien einheimische Neobanken wie Revolut, Monzo oder Starling bereits halbwegs etabliert, als die Berliner 2018 den Markt kamen. Gegen diese Konkurrenz ist N26 offensichtlich nicht angekommen.

Dasselbe Phänomen kennt man übrigens vom Münchner Robo Advisor Scalable Capital: In Deutschland die klare Nummer eins. In UK chancenlos gegen die Platzhirsche Nutmeg und Moneyfarm. Statt in Großbritannien sinnlos Geld zu verbrennen, konzentriert sich Scalable seit rund fünf Jahren konsequent auf den deutschen Markt, wo die Kundenakquise-Kosten dank des höheren Bekanntheitsgrads ungleich niedriger sind. Man darf davon ausgehen, dass für N26 ähnliche finanzielle Metriken gelten.

Und der zweite Grund? Das Produktangebot von N26 sei in UK vergleichsweise rudimentär, erklärte uns gestern jemand, der sich mit solchen Sachen besser auskennt als wir selber (wenn wir es richtig verstanden haben, hat es irgendwas damit zu tun, dass Großbritannien eine Sonderstellung innerhalb des SEPA-Raum einnimmt bzw. auch schon vor dem Brexit einnahm.*). Dadurch habe ein mögliches Distinktionsmerkmal gegenüber anderen Challenger-Banken gefehlt.

Also ist das mit dem Brexit doch vorgeschoben?

Für diese steile These spräche, dass N26 noch im Oktober in einem mittlerweile offenbar gelöschten Blogpost kundtat, das mit dem Brexit sei kein Problem. Trotzdem muss man das Ganze ein bisschen differenzierter sehen. Klar ist: Als N26 sich 2017/2018 entschied, in Richtung Großbritannien zu expandieren, war das Brexit-Votum bereits gefallen. Allerdings: 2017/2018 war alles andere als klar (und vielleicht aus damaliger Sicht sogar unwahrscheinlich), dass es wirklich zu einem harten Brexit kommen würde. Der damalige Beschluss, den UK-Launch trotz der unsicheren politischen Lage zu wagen, war daher „sicherlich ein bisschen naiv“, wie ein Kenner des Unternehmens sagt – aber nicht völlig blauäugig. Im Grunde umfasste die damalige Planung folgende Szenarien:

  • Kommt es zu einem weichen Brexit, bleibt alles, wie es ist – und N26 kann in UK weiterhin auf Basis seiner deutschen Banklizenz und einer entsprechenden „Passporting“-Regel tätig sein
  • Kommt es zu einem mittelharten Brexit, benötigt N26 zwar möglicherweise eine britische Banklizenz – hat aber dank langer Übergangsfristen genügend Zeit, sich hierauf vorzubereiten
  • Startet N26 in Großbritannien durch und kommt es dann zu einem harten Brexit – dann muss halt alles unternommen werden, um möglichst schnell eine britische Banklizenz zu erlangen
  • Läuft das Geschäft schlecht oder nur so lala und kommt es dann zu einem harten Brexit …

… siehe gestern! Im Grunde gehe es um einen Trade-Off, sagte uns gestern jemand mit Kenntnis der Lage. Natürlich wäre es möglich gewesen, in UK bleiben. Die Ressourcen, die dieser Kraftakt verschlungen hätte, könnten andernorts allerdings weitaus gewinnbringender eingesetzt werden.

Was hat das UK-Abenteuer gekostet?

Wir würden schätzen, eine zweistellige Millionensumme (allerdings keine wahnsinnig hohe). Hintergrund: Großbritannien war auch schon vor dem Brexit kein EU-Land wie jedes andere – also keines, in dem man mal eben low-cost-mäßig via Passporting an den Start gehen konnte. Sondern, wie oben schon erwähnt: Da Großbritannien eine Sonderstellung innerhalb des SEPA-Raums einnahm*, musste N26 dort für den Zahlungsverkehr eine eigene Infrastruktur (samt Konto bei der Bank of England) installieren. Ein komplexes und nicht ganz billiges Unterfangen, wie Fachleute sagen – und vermutlich einer der Gründe, warum sich der UK-Launch 2017/2018 immens verzögerte.

Was bedeutet der „N26-Brexit“ für die weitere Expansion?

Dass der Rückzug „keinen Einfluss auf den globalen Wachstumskurs von N26 hat“, wie es in der gestrigen Pressemitteilung hieß, ist schon insofern quatsch, als der britische Markt bislang als essentieller Teil dieser Expansions-Strategie galt. Was sich auf jeden Fall sagen lässt: Der Nimbus, der das Berliner Fintech bislang umwehte, ist jetzt erst einmal weg. Und klar ist seit gestern auch: Die Ressourcen von N26 sind trotz diverser Finanzierungsrunden offenbar nicht unendlich. Dass sich die Berliner aus UK zurückziehen, könnte auch damit zu tun haben, dass man zusätzliche Ressourcen auf den US-Markt verwenden will – und möglicherweise muss.

Was sagt der Rückzug über N26 aus?

  • Die Aufgabe des UK-Geschäfts ist der zweifellos größte Rückschlag in der bisherigen N26-Historie. Nicht jeder da draußen hatte Gründer Valentin Stalf zugetraut, dass er zu solch einem Eingeständnis überhaupt bereit ist. Darum gibt es wohlmeinende Beobachter, die nun sagen, der gestrige Tag werde die Berliner Neobank letzten Endes sogar voranbringen, weil nun mehr Realismus einkehre
  • Vor allem aber zeigt der gestrige Tag, dass N26 nicht mehr bedingungslos seiner „Wachstum um jeden Preis“-Strategie folgt. Das freilich hatte sich zuletzt bereits angedeutet (siehe unsere Analysen hier und hier)

Wie geht es nun weiter?

Was uns nicht wirklich klar ist: Was bedeutet der Brexit eigentlich umgekehrt für das EU-Geschäft bzw. die EU-Pläne der britischen N26-Rivalen Revolut und Monzo? Der britische Markt umfasst 66 Millionen Konsumenten; in der Rest-EU sind es 400 Millionen. Wenn die Argumentation von N26 stimmt, dass der Graben zwischen EU und UK jetzt so tief ist, dass jenseits des Grabens quasi kein Geschäft mehr zu machen ist – müssten die Berliner von dem Graben nicht dann sogar profitieren?


*In der ursprünglichen Fassung des Artikels hatten wir fälschlicherweise behauptet, Großbritannien gehöre dem SEPA-Raum nicht an bzw. habe auch schon vor dem Brexit dem SEPA-Raum nicht angehört. Richtig ist, dass Großbritannien eine Art Sonderstellung einnahm. Und zwar in folgendem Sinne: In der Eurozone werden fast ausschliesslich Sepa-Überweisungen verwendet. Dieses System kann auch für Fremdwährungen genutzt werden – und einige UK-Banken bieten es auch an, um Zahlungen aus der EU in Fremdwährung abzuwickeln. Insofern ist UK also prinzipiell am SEPA-System angeschlossen, aber unseres Wissens nach sind es nicht alle britischen Banken – und vor allem nicht für Zahlungen rein in Pfund. Dafür gibt es in Großbritannien drei alternative Payment-Schemes, die über die Bank of England koordiniert werden, nämlich Chaps, Bacs und Faster Payment. Wer es noch genauer wissen will: Siehe dieser Link hier

NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Share

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on xing