Analyse

Wie Raisin mit dem Kauf von Fairr in die Riester-Falle tappte

12. Juni 2020

Von Christian Kirchner und Heinz-Roger Dohms

Der Berliner Einlagen-Broker Raisin gehört zweifelsohne zu den erfolgreichsten deutschen Fintechs. So reiht sich auch dieser Tage wieder eine Jubelmeldung an die nächste. Da waren zunächst der US-Launch und die Liqid-Kooperation Mitte Mai; es folgte der Coup mit der Hypo-Vereinsbank; und Mitte dieser Woche wurde schließlich die Partnerschaft mit Klarna verkündet, worüber sogar einige der britischen Fintech-Medien berichteten (siehe hier und hier).

Indes: Wer ein bisschen genauer hinschaut, der sieht, dass Raisin jenseits solcher Meldungen momentan ein faustdickes Problem hat – was kurz gesagt so kam: Im vergangenen August hatte Raisin das ebenfalls in Berlin ansässige Riester-Fintech Fairr übernommen. Eigentlich ein smarter Move, so dachte man. Schließlich schlummert im Altersvorsorge-Bereich durchaus Disruptions-Potenzial und beträgt die Riester-Durchdringung immer noch unter 50%. Dann jedoch kam der Corona-Crash. Und noch viel schlimmer: Danach kam die Erholung! Doch der Reihe nach:

Riester-Fondssparpläne (also das Produkt, auf das Fairr mit seinem „Fairriester“ setzt) mögen aus Anbietersicht ein spannendes Feld sein. Schließlich ermöglicht es die Verwaltung von Geldern teils über Jahrzehnte hinweg. Bei „Riester“ handelt es sich allerdings auch um einen streng regulierten und damit tückenreichen Markt. Denn …

  1. Wer ein Riester-Produkt anbieten und staatlich zertifizieren lässt, muss dem Kunden das Produkt ein Leben lang anbieten. Der Kunde kann den Vertrag jederzeit kündigen. Der Anbieter nie.
  2. Wer ein Riester-Produkt anbietet, muss sicherstellen, dass dem Kunden zu Beginn seiner Rente – also womöglich erst in 30, 40 Jahren – sämtliche eingezahlten Beiträge samt Zulagen zur Verrentung zur Verfügung steht. Im Fachjargon spricht man von einer „100-prozentigen Beitragsgarantie.“ Und die ist „hart“, das heißt, im Zweifel muss der Garantiegeber einspringen.

In einem solchen regulatorischen Korsett gilt eigentlich: „Go big or go home.“ Selbst die Allianz Global Investors stellte 2010 ihr Riester-Neugeschäft ein. Viele andere folgten.

Dabei klang das mit der Beitragsgarantie bei der Einführung von Riester vor knapp 20 Jahren relativ unproblematisch. Schließlich lagen die risikolosen Zinsen damals noch bei 4% pro Jahr. Wer einen Teil der Beiträge statt in Aktien in Zinspapiere anlegte, war praktisch auf der sicheren Seite.

Heutzutage hingegen: Liegt der risikolose Zins bei mehr oder weniger 0%. Aus der Beitragsgarantie, einst eher einer Formalie, ist längst eine potenzielle Falle geworden.

Und in die tappte „Fairriester“. Vom Marktstart im Jahr 2016 legten die Berliner das Geld ihrer Kunden größtenteils in Aktien-ETFs an. Eine Strategie, die von vielen Anlegern und übrigens auch von Verbraucherportalen wie „Finanztip“ auch aufgrund der niedrigen Gesamtkosten goutiert wurde. Dann jedoch kollabierten von Mitte Februar an die Aktienmärkte. Der Dax fiel binnen vier Wochen von über 13.000 Punkten auf nur 8.400 Zähler. Was die Sache noch erschwerte: Parallel zuckten auch die Zinsen wie verrückt. Mit jedem Tag, so schien es, wuchs das Risiko, die Beitragsgarantie nicht mehr aufrechterhalten zu können.

Folge: Fairr bzw. die als Depotverwalter und Garantiegeber fungierende Hamburger Sutor Bank zogen die Reißleine und liquidierten am 12. März – rückblickend fünf Tage vor dem Kurstief – sämtliche Aktien in den Fairriester-Depots zugunsten von Cash. „Eine verlässliche Risikomodellierung ist unter den derzeitigen Ausnahmebedingungen nicht möglich“, hieß es in den entsprechenden Schreiben an die Kunden.

Schon damals war die Aufregung groß und erreichten Finanz-Szene.de diverse Zuschriften aufgebrachter Kunden. Denn klar war: Ohne einen signifikanten Aktienanteil – der immer ein Kernargument für fairr war – werden die Verluste auf Jahre hinein nicht aufzuholen sein. Und den Kunden ging es ja nicht nur ums Aufholen (verlieren können sie aufgrund der Beitragsgarantie ja gar nicht). Ihnen ging es darum, dass die Verträge am Laufzeitende eine Rendite abwerfen.

Vielleicht hätten Proteste bald nachgelassen, wäre es an den Märkten weiter runtergegangen. Doch stattdessen kam es für Fairr (und die Vorsorgesparer) noch dicker. Denn nur wenige Tage nach der Liquidierung der Aktien setzten die weltweiten Börsen zu einer fulminanten Erholung an. Wovon die „Fairriester“-Kunden aber nichts hatten. Weil sie ja jetzt in Cash investiert waren.

Nach Finanz-Szene.de-Informationen hat Fairr nun die Konsequenzen aus dem Fiasko gezogen. So gingen den Kunden diese Woche Schreiben zu, in denen von „Optimierungen und Ergänzungen des Anlagemodells“ gesprochen wird. Zur Beruhigung der Lage hat dieser Schritt allerdings – jedenfalls laut Mails, die uns erreichten – nicht beigetragen. Die ersten Kunden zürnen weiterhin oder jetzt erst Recht. Die Sichtweise, auf den Punkt gebracht: Der Crash war okay. Denn dafür konnte Fairr ja nichts. Allerdings hat uns Fairr um den Aufschwung gebracht.

Konkret sind nun folgende Änderungen geplant:

  • „Fairriester“ kehrt in den Aktienmarkt zurück.
  • Dabei kommen in Zukunft allerdings nur noch zwei ETFs zum Einsatz, nämlich der MSCI World Minimum Volatility von iShares für den Aktienanteil und der Vanguard Eurozone Government Bond ETF für den Anleihenteil
  • Es gibt eine Mindestaktienquote von 3%
  • Die Allokation zwischen Aktien und Anleihen berücksichtigt stärker den Depotstand und ob Gewinne oder Verluste aufgelaufen sind
  • Der Liquiditätsbestand wird, soweit es das neue Risikomodell zulässt, in den kommenden Tagen („bis voraussichtlich Mitte Juli“) schrittweise wieder angelegt
  • Statt starr ab 20 Jahren vor Rentenbeginn die Aktienquote zu senken, kann der Aktienanteil auch bis fünf Jahre vor Rentenbeginn 100% betragen

Ob das reicht, die Wende noch einmal zu schaffen?

Auf die Jagd nach neuen Verträgen geht Fairr jetzt jedenfalls mit einem lädierten Ruf. Zumal die Probleme nicht aus dem Nichts kamen. Denn Anfang 2009 hatte die Union Investment auch schon mal Probleme mit der Beitragsgarantie gehabt und viele Riester-Kunden nahe des Börsentiefs aus dem Aktienmarkt hinausrotiert. Darauf reagierte der Fondsdienstleister allerdings wenige Jahre später mit einem Umbau des Produkts, der solche Rotationen weniger wahrscheinlich macht.

Individuelle Depotsteuerungen statt starrer, am Alter orientierten Fristen wie zuvor bei Fairr – auch das nutzen die Marktführer im 3,3 Millionen Verträge großen Riester-Fondsmarkt, Union Investment und DWS, seit über 15 Jahren. Und nur zwei Fonds, je einen für den Aktien- und den Anleihenanteil – auch das handhabt die Union für ihr Kernprodukt seit 2002 so.

Manchmal können die neuen Player halt auch von den alten lernen.

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