Jahres-Rückblick (IV)

Die Payment-Trends in 2020. Und was daraus für 2021 folgt

17. Dezember 2020

Von Heinz-Roger Dohms

Nachdem wir uns in Teil I unseres Jahres-Rückblicks mit den klassischen Banken, in Teil II mit dem Themenfeld „Digital Banking“  und  in Teil III mit den Fintechs befasst haben, geht es im heutigen (letzten) Teil um die Payment-Branche. Voilà:

1.) Wirecard – vom „deutschen Apple“ zum „deutschen Enron“

… wobei zu dem Thema ja nun wirklich alles gesagt ist.

Link-Rückblick:


2.) Europas Payment-Branche konsolidiert sich – und die Deutschen schauen zu

Zu den rückblickend fragwürdigsten Entscheidungen der deutschen Kreditwirtschaft gehört, dass sie sich von einem ihrer wertvollsten Payment-Assets (also von Concardis) ausgerechnet in einer Zeit trennte, als es da draußen zum Payment-Big-Bang kam.

Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt: Concardis verschwand im dänischen Nets-Konzern, so wie der Sparkassen-Acquirer Payone größtenteils im französischen Ingenico-Konzern verschwand. 2020 nun ist Ingenico mit Wordline (ebenfalls Frankreich) verschmolzen, während sich Nets mit dem italienischen Nexi-Konzern zusammentat. Worldline/Ingenico und Nexi/Nets dominieren nun den kontinentaleuropäischen Payment-Markt, die Deutschen schauen zu.

Link-Rückblick:


3.) Ein europäische Payment-Scheme – hat dieser Plan wirklich eine Chance?

Welches Payment-Asset hat die deutsche Kreditwirtschaft jetzt überhaupt noch? Klar, die Girocard (mehr dazu weiter unten). Doch die soll nun geopfert werden, um sie zu retten. Oder nüchterner formuliert: Die Girocard und weitere nationalen Debit-Systeme sollen aufgehen in der „European Payments Initiative“ (EPI), einem – so zumindest lautet das Ziel – europäischen Payment-Scheme, das in Konkurrenz zu Visa und Mastercard treten soll. Statt der Girocard könnte es dann die EPI-Card geben. Und natürlich die EPI-Wallet. Und Paydirekt bzw. Giropay werden natürlich ebenfalls untergerührt.

Die Politik? Steht dahinter. Die Banken? Investieren. Ob das gute Nachrichten sind, wird man in wenigen Jahren wissen.

Link-Rückblick:


4.) Mastercard und Visa pressen ihre Debit-Lösungen mit aller Macht in den deutschen Markt

Ein Problem (und zwar nicht das geringste) für EPI liegt darin, dass sich die Welt, bis EPI dann irgendwann mal fertig ist, weiterdreht. Ein simples: Gerade als wir am Donnerstagmittag den Payment-Rückblick, den Sie jetzt gerade lesen, zusammentackerten, kam die Meldung, dass „dm“ (also die Drogeriekette) einen Cashback-Service in Kooperation mit Mastercard einführt, also gebührenfreies Geldabheben am Point of Sale.

Cashback? Was das nicht bislang eine Domäne der Girocard? Eben! Ein weiterer kleiner Stich der US-Schemes gegen die Girocard. Und genau von diesen Stichen hat es in diesem Jahr ganz schön viele gegeben. Mastercard und Visa, so fühlt es sich jedenfalls an, wollen ihre Debit-Lösungen mit aller Macht in den deutschen Markt drücken.

Link-Rückblick:


5.) Der Abwehrkampf der Girocard hat begonnen – sind die Kräfte richtig eingesetzt?

Sollen die deutschen Banken (und Sparkassen) ihre Energie komplett auf die „European Payments Initiative“ verwenden und die Girocard einstweilen einfach Girocard sein lassen? Möglicherweise wäre das konsequent. Aber es wäre auch ein bisschen, nun ja, komisch.

Also fahren die DK und vor allem die Sparkassen erst einmal zweigleisig: Das Projekt „EPI-Card“ wird vorangetrieben und die Girocard zugleich ertüchtigt. So haben die Sparkassen „ihre“ Girocard – also die Sparkassen-Card – in diesem Jahr an die Mastercard Debit gekoppelt. Und vor allem: Sie haben „ihre“ Girocard mit Apple Pay vermählt (mehr dazu weiter unten).

Der nächste Schritt (die Planungen laufen aufs zweite Quartal hinaus) soll nun sein, die Sparkassen-Card-Apple-Pay-Lösung vom stationären Point of Sale aufs E-Commerce auszuwälzen. Sprich: Erstmals überhaupt könnten Kunden mit der Girocard auch im Internet bezahlen, jedenfalls Kunden der Sparkassen, die ein Apple-Device nutzen. Das allerdings – so jedenfalls besagen es Gerüchte – ist noch nicht alles. Denn angeblich bereiten die Volks- und Raiffeisenbanken für 2021 ihren eigenen, kleinen Payment-Big-Bang vor: nämlich eine technische Lösung, dank der man mit Girocard auch jenseits von Apple Pay online einkaufen kann.

Link-Rückblick:

Girocard, Maestro – und was noch? Die Karten-Strategien von 30 deutschen Retailbanken


6.) Der Apple-Pay-Erfolg bei den Sparkassen zeigt, dass Mobile Payment den Durchbruch geschafft haben dürfte

Wenn stimmt, was die Apple-Managerin Bailey jüngst im Gespräch mit der „Welt am Sonntag“ gesagt hat, dann dürfte die mobile Bezahllösung der US-Konzerns im deutschen Markt kaum aufzuhalten sein: 1,5 Millionen Sparkassen-Kunden sollen Apple Pay bereits nutzen. Das wäre gewaltig.

Entsprechend steigt der Druck auf andere Banken, nun ebenfalls die Girocard in Apple Pay zu integrieren.

Link-Rückblick:


7.) „Unzer“ schwingt sich zum neuen deutschen Payment-Champion auf. Doch was ist der Langfrist-Plan?

Irgendwie ist das ein ziemlich krasse Geschichte. Wie sich die ehedem mittelständische Heidelpay unter neuem Namen („Unzer“), finanziert von einem großen US-Investor (KKR) und mittels einer ambitionierten Buy&Build-Strategie zum neuen deutschen Acquiring-Champion aufschwingen will.

Fragt sich: Wo soll das hinführen?

„Auf dem hiesigen Markt verfügt Unzer bereits jetzt über eine beachtliche Schlagkraft, gerade im E-Commerce“, meint der regelmäßige Finanz-Szene.de-Gästeblogger Marcus W. Mosen. „Ob sich dieses Modell aber wirklich internationalisieren lassen wird, bleibt abzuwarten. Eigentlich ist dafür die Konkurrenz jenseits der deutschen Grenzen zu stark.“

Folgt dem „Buy&Build“ also früher oder später der Exit, also der Verkauf zum Beispiel an Nets/Nexi oder an einen der großen US-Player wie Fiserv/First Data oder Global Payments?

Link-Rückblick:


8.) Alle können alles. Doch wer kann auch Plattform?

Ein paar Nachrichten aus den letzten maximal fünf, sechs Wochen: Adyen wird zum Girocard-Netzbetreiber. Klarna dringt mithilfe des POS-Software-Spezialisten Verifone an den (auch deutschen) Point of Sale. Unzer (also die von eins weiter oben) kauft den Münchner Girocard-Netzbertreiber Lavego. Der deutsche-britische Mini-Terminal-Betreiber SumUp akquiriert den POS-Software-Spezialisten Goodtill. Mit finanzieller Unterstützung der US-Giganten Square will das italienische Payment-Fintech Satispay seine QR-Code-basierte Bezahllösung zu mutmaßlichen Kampfpreisen bei deutschen Händlern platzieren. Revolut präsentiert eine eigene Acquiring-Lösung. Und, und, und …

„Auch wenn diese Meldungen nicht alle in denselben Topf gehören, so lassen sich doch ein paar übergeordnete Trends erkennen“, sagt der Payment-Experte Mosen: „E-Commerce und Omnichannel sind die ‚Covid‘-Gewinner. Rund um die Themen Mobile/Digital-Banking, POS-Payment, Payment Services Provider und Lending formieren sich jetzt die ersten Plattformen. Und in praktisch allen Fällen geht es um smartphone-basierte Lösungen, hinter denen zum Teil mächtige und zumindest pan-europäische B2C-Brands stehen.“

Ob, sagen wir, ein Player wie die Deutsche Bank (->First-Data-Kooperation, ->Eintracht-Frankfurt-Kooperation) da wirklich wird mithalten kann, wird sich zeigen.

Link-Rückblick:


9.) Irgendwie müssen doch auch wir am Payment-Boom mitverdienen. Denken sich die deutschen Banken

Als wir im Sommer mal etwas tiefer in die 6M-Zahlen von Comdirect und DKB blickten, da waren die Befunde ernüchternd: Bei der Comdirect war der Provisionsüberschuss aus dem Zahlungsverkehr im ersten Halbjahr von 13,0 Mio. Euro auf 9,6 Mio. Euro gesunken; und bei der DKB sanken die Erträge im  Zahlungsverkehr im Privatkundengeschäft  im ersten Halbjahr sogar merklich von 4,2 Mio. Euro auf nunmehr 2,1 Mio. Euro. Im Kreditkartengeschäft gingen sie 14% zurück und das Ergebnis sogar um 32% auf 11 Mio. Euro.

Ja, wo isser denn, der Payment-Boom?

Nun bildet so ein kleiner Ausschnitt natürlich nicht die ganze Wahrheit ab. Aber: Dass der bargeldlose Zahlungsverkehr (siehe auch eins weiter unten) zunimmt, bedeutet nicht automatisch, dass Banken und Sparkassen hieran auch mitverdienen. Obwohl niemand behaupten kann, sie würden’s nicht versuchen, siehe das Thema: (revolvierende) Kreditkarte.

Link-Rückblick:


10.) Seit Corona boomt der bargeldlose Zahlungsverkehr ohne Ende. Oder?

Als wir die Payment-Twitter-Community gestern fragten, welche harten Belege es denn für den Karten-, Mobile- und Kontaktlos-Boom da draußen gibt – da fielen viele Antworten (hier der gesamte Thread) doch eher weich aus: „Selbst unser Dorfbäcker nimmt jetzt (Kredit-)Karte. Selbst meine Mutter (>60J.) ist im Kartenfieber“, schrieb der Fintech-Blogger Tobias Baumgarten.

„Einfach mal beim Aldi/Lidl in Schlange stellen und beobachten wie oft dort bargeldlos vor einem bezahlt wird. Früher war man der einzige, heute häufig fast alle vor einem“, antwortete ein weiterer Blogger, nämlich Torsten Maue. Ein weiterer Payment-Blogger (oder sollte man in diesem Fall vornehmerweise „Kolumnist“ sagen?), nämlich Rudolf Linsenbarth, meinte: „Mittlerweile gibt es mehr Bäcker mit Kartenzahlungsakzeptanz als ohne.“ Und der uns bis dato unbekannte Matthias Reichl gab zu Protokoll: „Karte/Kontaktlos/Mobile im Friseursalon von 5% hoch auf 50%. Quelle: Nebenerwerb einer nahen Verwandten im bayrischen Dorf.“

Um es kurz zu machen: Anekdotisch können wir das alles (fast) genauso unterschreiben. Und schaut man beispielsweise auf diese EHI-Grafik hier (danke auch für diesen Hinweis aus der Twitter-Community!), dann zeigt sich: Die Zahlen unterstützen das anekdotische, auch wenn das Bargeld (nach einem regelrechten Einbruch im ersten Lockdown) über den Sommer ein ganz klein wenig Terrain zurückgewonnen zu haben scheint.

Vor allem aber: Es geht ja nicht nur um den Shift am Point of Sale. Sondern um den Shift vom Point of Sale ins Internet. Womit wir wieder bei den armen Banken wären. Denn: Im Internet ist die Girocard ja (noch) außen vor.


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