Große Privatbanken-Analyse (Teil I)

Von Metzler bis Warburg: Wie geht’s den Privatbanken wirklich?

24. September 2020

Von Christian Kirchner

Zugegeben – auf die Privatbanken haben wir zuletzt ein bisschen rumgedroschen: „Ende einer Privatbank: Merck Finck und die ‚Tinder-Falle‚“ (6. Juli); „Bilanz-Akrobatik am Beispiel Donner & Reuschels“ (25. August);  „Lampe malt schwarz für 2020“ (7. September). Geht’s nicht auch mal konstruktiver? Doch!

Was haben wir also gemacht: Wir haben uns die mittlerweile allesamt veröffentlichten 2019er-Geschäftsberichte der zehn phänotypischsten Privatbanken dieser Republik angeschaut – und sie allesamt nach demselben Muster untersucht. Was kam raus? Nun: Natürlich geht’s dem Sektor nicht gut. Aber: Es gibt Unterschiede! Manchen Anbieter stechen positiv heraus. Und bei einigen sieht man immerhin das, was im Fußballtrainer-Deutsch „positive Ansätze“ genannt wird.

Hier Teil I unserer Untersuchung:

1.) Bankhaus Metzler

Status: Metzler ist unter den Privatbanken ein Unikat: Unter dem Strich steht immer ein schmaler Gewinn von 2 Mio. Euro – alles andere wandert in die Rücklagen. Folge: Die Kernkapitalquote beträgt fette >20%. Und das, obwohl das Kredit- und Einlagengeschäft kaum eine Rolle spielt, es in der Bilanz also kaum risikobehaftete Assets und beim Zinsüberschuss (2019: mickrige 3 Mio. Euro) nichts zu verlieren gibt.

So sieht’s auf einen Blick aus:

in Mio. € 2018 2019 Veränderung
Zinsüberschuss 3 3 0
Provisionsüberschuss 196 191 -3%
Kosten 175 180 +3%
Überschuss 2 2 0
Assets in Mrd. € 74 82 +11%

Das stimmt optimistisch: Metzler zeigt über die Jahre einen konstanten Anstieg der verwalteten Assets, dem letztlich wichtigsten „Rohstoff“, um Geld zu verdienen. Strategisch ist man mit einem kaum messbaren Anteil der Zinsüberschüsse am Gesamtgewinn weit besser positioniert als alle anderen Privatbanken. (Nachtrag: Eine hier zuvor verwendete Formulierung, Metzler habe sein Kernbankensystem migriert und die dazugehörigen Kostenplanungen eingehalten stimmt so nicht, der Prozess steht erst am Beginn.)

Das stimmt pessimistisch: Die Bank hat ihr generelles Kostenziel verfehlt (man mag fast sagen: „natürlich“ wegen der Regulatorik, so argumentieren ja fast alle Privatbanken). Zudem fällt über die Jahre der kontinuierliche Rückgang des „Ergebnisses der normalen Geschäftstätigkeit“ auf: Zuletzt standen nur noch 4 Mio. Euro zu Buche nach 8 Mio. im Vorjahr, 17 Mio. Euro im Jahr davor und noch opulenten 31 Mio. Euro 2016. Im Kerngeschäft scheint’s sooo rund also auch nicht mehr zu laufen.

Was sagt der Ausblick zu Corona? Nur Allgemeinplätze. Es gibt allerdings kaum Indizien, dass Corona der Ertragslage massiv zusetzt. Kreditrisiken gibt es, siehe oben, so gut wie keine, die Asset-Basis hat sich durch die scharfe Markterholung vermutlich stabilisiert, und der Beratungs- und Eigenkapitalbedarf dürfte kundenseitig eher hoch gewesen sein – sprich: Corona dürfte Metzler durchaus auch Geschäft beschert haben.

Finanz-Szene.de-Bewertung: Es müsste schon einiges zusammenkommen, dass bei Metzler mal was anbrennt.


2.) Merck Finck

Status: Eine Dauerbaustelle. Im 150. Jahr des Bestehens teilte die Mutter Quintet im Frühsommer mit, dass Merck Finck seine rechtliche Eigenständigkeit aufgibt und in der luxemburgischen Quintet-Gruppe aufgehen wird. Beim Personal herrscht ein Kommen und Gehen (siehe „Privatbank in der Tinder-Falle„), und 2019 musste Quintet zum vierten Jahr in Folge einen Verlust decken, dieses Mal rund 26 Mio. Euro.

So sieht’s auf einen Blick aus:

in Mio. € 2018 2019 Veränderung
Zinsüberschuss 4 3 -16%
Provisionsüberschuss 43 40 -7%
Kosten 60 61 +1%
Überschuss * -16 -26 -66%
Assets in Mrd. € 8,5 9,5 +12%
hier: Ergebnis vor Ertragsausgleich durch Mutter (der Überschuss ist formal 0 €)

 

Das stimmt optimistisch: Die Entwicklung der Assets, auch wenn sich 0,7 Mrd. der 1,0 Mrd. Zuwachs in 2019 mit Markteffekten erklären lassen. Offenbar verfügt die Bank trotz der schlechten operativen Entwicklung weiterhin über die Fähigkeit, Mittel zu akquirieren und zu binden.

Das stimmt pessimistisch: Die Richtung passt nicht. Die Cost-Income-Ratio liegt seit Jahren (zurückverfolgt haben wir es bis 2014) bei mehr als 100% und erreichte zuletzt schwindelerregende Höhen (129%). Das dürfte die radikalen Maßnahmen erklären, die Quintet jetzt ergriffen hat.

Was sagt der Ausblick zu Corona? „Die durch die Corona-Pandemie ausgelöste Entwicklung an den Börsen wird entsprechend aktueller Erwartungen jedoch die Ertragslage für das Jahr in einem aktuell noch nicht einschätzbaren Maße beeinträchtigen“, schrieb die Bank per 30. März.

Finanz-Szene.de-Bewertung: Es gibt unter den großen Privatbanken keine, bei der die Diskrepanz zwischen selbstbewusstem öffentlichem Auftritt (inklusive permanenter Übernahme-Ankündigungen) und mauer operativer Lage größer ist.


3.) Fürstlich Castell’sche Bank

Status: Eine kleine (Bilanzsumme: 1 Mrd. Euro) fränkische Privatbank, die allerdings verlässlich Gewinne schreibt (2019: 3,5 Mio. Euro) und – eine Rarität in ihrem Segment – ihre Jahresziele auch in der Regel erreicht.

So sieht’s auf einen Blick aus:

in Mio. € 2018 2019 Veränderung
Zinsüberschuss 13 13 0%
Provisionsüberschuss 15 15 0%
Kosten 27 27 0%
Überschuss * 3 4 +33%
Assets k.a. k.a.

Das stimmt optimistisch: Die Fürst Castell’sche Bank hat 2019 ihre komplette IT migriert, ihre Filialstruktur gestrafft und dabei trotzdem ihr Kostenziel eingehalten und einen kleinen Gewinn (über Plan) geschrieben. Ganz offenbar macht man in Würzburg eine Menge kleiner Dinge richtig, denn derartige Manöver lassen bei anderen Banken regelmäßig die GuV aus dem Ruder laufen.

Das stimmt pessimistisch: Unter dem Strich geht es mit wesentlichen Rentabilitätskennziffern in den letzten Jahren eher herunter. 87% Cost-Income-Ratio und 5,3% Eigenkapitalrendite sind für Privatbanken ordentlich, aber eben auch die jeweils zweitschlechtesten Werte der letzten fünf Jahre.

Was sagt der Ausblick zu Corona? Die Auswirkungen seien (noch) „nicht quantifizierbar“, hieß es im Mai 2020.

Finanz-Szene.de-Bewertung: Die Fürst Castell’sche Bank ist so etwas wie der VW Golf unter den Privatbanken – eher in der „Kompaktklasse“ von der Größe her, aber mit Blick auf die wesentlichen Kennziffern solide und unspektakulär. Und das ist in einer ansonsten operativ finsteren Branche durchaus etwas Wert.


4.) M.M. Warburg

Status: Puh. Für M.M. Warburg Bank stand 2019 ein operatives Ergebnis von minus 25 Mio. Euro zu Buche, für die M.M. Warburg Gruppe eines von minus 40 Mio. Euro. Klar: Diese Zahlen sind geprägt (auch) von Einmaleffekten wie Risikovorsorge und Cum-Ex-Steuernachzahlungen. So kommt es, dass auch die Bank auf 16 Mio. Euro Gewinn rechnet.

So sieht’s auf einen Blick aus:

in Mio. € 2018 2019 Veränderung
Zinsüberschuss 37 45 22%
Provisionsüberschuss 79 88 11%
Kosten 127 136 7%
Überschuss * 7 -25
Assets in Mrd. € 9,1 10,8 +19%

M.M. Warburg Bank, * Ergebnis vor Steuern

Das stimmt optimistisch: Wenig.

Das stimmt pessimistisch: Wie in einer Nussschale lässt sich bei M.M. Warburg die große Geschichte vieler Privatbanken ablesen: Binnen fünf Jahren kollabierte der Zinsüberschuss  um 35 Mio. Euro oder annähernd die Hälfte und ging es beim Provisionsüberschuss nur wenig vorwärts, genauer um 8% oder 11 Mio. Euro). Da zugleich die Kosten steigen, nämlich seit 2014 um 5 Mio. Euro, gerät die operative Ertragskraft – Einmaleffekte hin oder her – unter die Räder. Und der eigene Anspruch? Die 97% Cost-Income-Ratio 2019 jedenfalls lagen „oberhalb der angestrebten Zielgröße“. Irritierend ist auch die zuletzt stets steigende Fluktuationsquote: Nach 8% in 2017 lag sie 2018 schon bei 9% und 2019 schließlich bei 15%. Jeder elfte Mitarbeiter (brutto) ging. Dabei sank die Gesamtmitarbeiterzahl mit 2% nur unwesentlich.

Was sagt der Ausblick zu Corona? „Die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise können das Erreichen der finanziellen Ziele der M.M.Warburg & C0. negativ beeinflussen.“

Finanz-Szene.de-Bewertung: Nochmal „Puh“. Entweder stapelt Warburg im Ausblick bewusst tief – oder es bleibt düster. Denn die Prognose 2020 sah schon vor Corona vor, dass es bei den Kosten weiter nach oben geht und man nur noch mit einem „ungefähr ausgeglichenen“ Ergebnis plane.


5.) Donner & Reuschel

Status: Donner & Reuschel ist eine jener Banken, bei denen ein zweiter Blick lohnt. Denn der ausgewiesene Überschuss sieht 2019 (7 Mio. Euro) wie 2018 (2 Mio. Euro) eigentlich kommod aus. Tatsächlich kamen beide Ergebnisse aber maßgeblich aufgrund von Einmaleffekten zustande: 2018 die Höherbewertung einer eigenen Immobilie in München (siehe hier), letztes Jahr dann der Verkauf einer Immobiliengesellschaft (siehe hier).

So sieht’s auf einen Blick aus:

in Mio. € 2018 2019 Veränderung
Zinsüberschuss 50 52 +4%
Provisionsüberschuss 55 59 +7%
Kosten 95 105 +11%
Überschuss * 2 7 252%
Assets in Mrd. € 24,4 26,5 +9%

Das stimmt optimistisch: Donner & Reuschel hat das Geschäft mit unabhängigen Vermögensverwaltern von Berenberg gekauft, was zeigt, dass die Bank strategisch durchaus noch offensive Pläne hat. Und posiv könnte man auch werten, dass die Bank sich mit einer erstaunlichen Personalkosten-Entwicklung (siehe auch in der Tabelle oben die Entwicklung der Gesamtkosten) nach Gedöns über der Nulllinie hält beim Gewinn. Pro Kopf gab das Institut noch 2017 bescheidene 88.000 Euro aus, 2019 dann schon 107.000 Euro. Ausweise fehlender Kostenkultur? Oder Hinweise auf große Pläne, die sich auf Sicht in merklich höheren Erträgen niederschlagen?

Das stimmt pessimistisch: Der Geschäftsbericht deutet auf erhebliche Umbauarbeiten hin: Teile des alten Sitzes in Hamburg werden nach einer Renovierung nicht vollständig zurückgemietet. Für das nun laufende Quartal steht zudem ein Wechsel des Kernbankensystems an. Und Hoffnung auf eine operative Wende macht der Ausblick zunächst einmal nicht: Angestrebt für 2020 wird lediglich ein ausgeglichenes Betriebsergebnis . Ewig werden die Einmaleffekte die Ertragsschwäche nicht kaschieren können, da muss operativ mehr kommen. Interessant. Zinserträgen von 45,3 Mio. Euro standen Zinsaufwendungen von nur 4,5 Mio. Euro gegenüber. Liest sich fantastisch. Aber ist das nachhaltig?

Was sagt der Ausblick zu Corona? „Auch die zurzeit zunehmende Ausbreitung des neuartigen Coronavirus (SARS-CoV-2) könnte dazu führen, dass einerseits Vertriebsziele infolge reduzierter Kundenkontakte nicht erreicht werden. Es könnten wesentliche konjunkturelle Verschlechterungen dazu führen, dass der Risikovorsorgeaufwand abweichend von unserer Planung deutlich ansteigt. Dadurch würde das geplante Jahresergebnis nicht erreicht werden.“

Finanz-Szene.de-Bewertung: Wir wagen die Prognose, dass ohne eine deutliche Verbesserung der „echten“ Ergebnisse der Donner-Eigner Signal, die Versicherung Signal Iduna, irgendwann einmal ins Grübeln geraten wird, warum er überhaupt noch eine Privatbank besitzt.


In den kommenden Tagen folgt der zweite und letzte Teil mit Berenberg, Lampe, Hauck & Aufhäuser, Bethmann und Fürst Fugger.

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