Analyse

Warum steht die Deutsche Bank so gut da? Fünf Erklärungen

29. April 2021

Von Christian Kirchner

Irgendwas zu motzen haben Analysten, Investoren und Journalisten ja immer, wenn die Deutsche Bank ihre Quartalszahlen vorlegt. Das gilt umso mehr, seit CEO Christian Sewing im Sommer 2019 seine Strategie präsentiert hat und die Zahlen stets aufs Neue mit den Zielen abgeglichen werden. Mal entwickelten sich die Erträge weniger gut als die Kosten (siehe hier). Mal schwächelte das Privatkundengeschäft (siehe hier). Dann hatte das Institut zu stark Schlagseite Richtung Investmentbanking (siehe hier). Und immer wieder stand die Frage im Raum, ob die Geschäftssparten nicht vor allem deshalb glänzen, weil das Management alle möglichen Verluste und Ausgaben einfach in die Bad Bank verschiebt (siehe zum Beispiel hier und hier ).

Auf all diese Kritikpunkte hat die Deutsche Bank gestern mit ihrem Zahlenwerk zum ersten Quartal samt 1 Mrd. Euro Nettogewinn eine beeindruckende Antwort gegeben. Die Börse honorierte das mit einem Kursplus von 11% auf ein neues Dreijahreshoch von 11,31 Euro. Bei der Bank, wo es sonst so oft um vernichtete Börsenwerte geht, wurden gestern zwei Milliarden Marktkapitalisierung geschaffen und im Wochenverlauf, das für die Feinschmecker, die Credit Suisse (umgerechnet 20,1 Mrd. Euro) überholt.

Was ist da los? Hier die fünf größten (positiven) Überraschungen aus dem Zahlenwerk:

1.) Endlich stimmt es auch mal unterm Strich …

Die Deutsche Bank hat es seit Christian Sewings Verkündung der neuen Strategie im Sommer 2019 geschickt verstanden, den Fortschritt beim Umbau immer möglichst gut aussehen zu lassen. Da wurden Zahlen nach Kräften um die Kosten des Umbaus „bereinigt“. Da wurden regelmäßig die Ergebnisse der „Kernbank“ ins Schaufenster gestellt (und die Bad Bank mit all ihren Verlusten in den Hintergrund gerückt). Oder es gab urplötzlich neue Kennziffern, wie zum Beispiel ein „um Zinseffekte“ bereinigtes Ergebnis –  was immer das auch heißen mag.

Entscheidend ist aber bekanntlich auf’m Platz, sprich unterm Strich, was netto an Gewinn heraus kommt – nach allen Umbaukosten, Bereinigungen, Verlusten der Bad Bank und Steuern. Und an dieser Stelle steht für das Q1 dieses Jahr ein Gewinn von fast genau einer Milliarde Euro zu Buche. Das ist ein Ergebnis, das auch im Vergleich aller Quartale seit Ausrufung der neuen Strategie beeindruckt (und nebenbei das beste Quartal seit 2014 war).

2.) … und keine Sparte enttäuscht

Das hat es wirklich schon lange nicht mehr gegeben: In jeder Sparte hat die Deutsche Bank die Erwartungen der Analysten in Sachen Vorsteuergewinn übertroffen. Mehr noch: Alle Sparten haben ihren Gewinn im Vergleich zum Vorjahresquartal sehr deutlich gesteigert. Zwar ist das Institut als Ganzes noch immer stark vom Investmentbanking abhängig, doch es geht auch in den anderen Sparten voran – und zwar in einem Tempo, das die Analysten überrascht hat.

Vorsteuergewinn Q1 2021
(in Mio. Euro)
vs. Konsens in % vs. Vorjahr in %
Investmentbank 1.490 +10% +134%
Corporate Bank 229 +26% +90%
Private Bank 274 +73% +92%
Asset Mt./DWS 183 +10% +66%
CRU (Bad Bank) -410 +27% +46%

Hinweis: Im Fall der Bad Bank besagt der Vergleich, dass die Erwartungen der Analysten und die Zahl des Vorjahresquartals noch schlechter ausgefallen waren.

3.) An den TLTRO-Geschäften lässt sich wunderbar verdienen

Erste Indizien gab es schon im Geschäftsbericht der DKB, nun finden sich auch im Quartalsbericht der Deutschen Bank klare Hinweise: Die langfristigen Refinanzierungen durch die EZB – TLTRO genannt – schlagen direkt auf die Gewinn- und Verlustrechnung jener Banken durch, die sich dafür qualifizieren (indem sie beispielsweise ihr Kreditvolumen beibehalten oder gar ausbauen). Im Zuge dieser Geschäfte können sich Banken zu bis zu -1,0% bei der EZB verschulden. Mit anderen Worten: Sie erhalten auch noch einen Schnaps oben drauf, wenn sie sich dort Geld leihen. Ähnlich wie der deutsche Staat, wenn er sich an den Kapitalmärkten Geld borgt.

Schon der Sprung des Zinsergebnisses in der Private Bank im Q1 um 18% (!!) im Vergleich zum Vorquartal ist ein auffälliger Hinweis, dass dort etwas besonderes passiert sein muss. Laut Deutscher Bank hat der Rückgriff auf die TLTRO-Gelder aber nicht nur der Private Bank, sondern auch der Corporate Bank geholfen. Auf Nachfrage präzisiert das Frankfurter Institut die Effekte auf 50 Mio. Euro – je Sparte! Allein im Q1! Dies ist ein substanzieller Beitrag, handelt es sich doch um knapp ein Viertel (Corporate Bank) respektive knapp ein Fünftel (Private Bank) des jeweiligen Vorsteuergewinns. Wiederholung in den kommenden Quartalen nicht ausgeschlossen – sofern sich die Deutsche Bank weiter für die TLTROs qualifiziert.

4.) Die Risikovorsorge ist niedrig – und soll es 2021 bleiben

Auf kaum eine Kennziffer lugen Investoren und Analysten derzeit so interessiert wie auf die Risikovorsorge, denn groß ist die Unsicherheit: Wie stark hat Corona eingeschlagen? Und wie stark wird Corona noch einschlagen?

Auf die erste Frage hat die Deutsche Bank gestern eine klare Antwort gegeben: so gut wie gar nicht. Die zusätzliche Netto-Risikovorsorge im Q1 betrug lumpige 69 Mio. Euro, der geringste Wert seit drei Jahren. Zwar musste das Geldhaus ein bisschen was neu bilden (165 Mio. Euro), dafür konnte es andere Teile aber auch auflösen (95 Mio. Euro). Macht unter dem Strich vier Quartale mit rückläufiger Risikovorsorge in Folge. Bezogen auf das Kreditbuch des größten deutschen Instituts beträgt die Risikovorsorge gerade einmal sechs Basispunkte. Zur besseren Einordnung: 100 Basispunkte galten mal vor Jahren in einer Krise als üblich in einem Jahr.

Auch auf die zweite Frage (Was kommt da noch?) gab die Deutsche Bank (anders als noch bei ihrer Jahrespressekonferenz im Februar) eine klare Antwort: wenig. Auf lediglich 25 Basispunkte des Kreditbuchs schätzt sie die Risikovorsorge im Gesamtjahr, ja sie spricht gar von einem „verbesserten Kreditumfeld“. Offenbar rechnen sie in den Frankfurter Zwillingstürmen nicht mehr damit, dass noch viel nachkommt – selbst wenn die staatlichen Stützungsmaßnahmen endgültig auslaufen, die viele durch Corona angeschlagene Unternehmen zur Zeit noch über Wasser halten.

5.) Die Ziele sind (fast) erreicht – bezogen auf ein Quartal

Zur Erinnerung: Ende 2022 will die Deutsche Bank bei der Cost-Income-Ratio auf 70% kommen und bei der Eigenkapitalrendite auf 8% (in der Gesamtbank) respektive 9% (in der Kernbank). Und, wie lautet der Zwischenstand im ersten Quartal 2021?

  • 77% Cost-Income-Ratio
  • 7% Eigenkapitalrendite in der Gesamtbank
  • 11% Eigenkapitalrendite in der Kernbank

Heißt: Bei der Eigenkapitalrendite in der Kernbank sind Sewing & Co bereits am Ziel – und bei der Rendite in der Gesamtbank und der Cost-Income-Ratio sind sie schon recht nah dran.

Für überbordenden Optimismus ist allerdings dann doch wenig Raum. Diese Zahlen sind Momentaufnahmen und noch immer stark geprägt vom starken Ergebnis im Investmentbanking, wo die Stimmung bekanntlich rasch drehen kann. Zudem fielen im Q1 auch keine signifikanten Restrukturierungs- oder Transformationskosten an (in der gesamten Bank betrugen diese nur 116 Mio. Euro). Was auch heißt, dass es keine riesigen Sonderposten gab, die demnächst wegfallen und auf diese Weise das Ergebnis aufhübschen könnten. Will die Bank ihre Ziele erreichen, muss sie künftig ans Eingemachte, sprich entweder die Kosten (noch mehr) reduzieren oder die Erträge (noch stärker) steigern.

Die Analysten dürften ihre Einschätzungen für die Private Bank und die Corporate Bank dennoch nach oben schrauben. Noch klafft zwischen Anspruch und Wirklichkeit eine erhebliche Lücke, denn um 2022 wie geplant jeweils 2 Mrd. Euro Gewinn vor Steuern zu erreichen, müssen beide Sparten ihre Gewinne Stand heute noch mal verdoppeln. Doch die Citigroup zum Beispiel kam in einer ersten Einschätzung zu dem Schluss, dass schon die neuen Ausblicke auf Kosten, Erlöse und Risikovorsorge die Gewinnschätzungen allein für 2021 um 25-30% steigen lassen. Liegt sie damit richtig, käme die Bank dieses Jahr immerhin schon auf einen sehr ordentlichen Nettogewinn von insgesamt 1,5 Mrd. Euro (und einen unbereinigten Gewinn vor Steuern von 2,9 Mrd. Euro).

Deutsche Bank erzielt 1,6 Mrd. Euro Vorsteuergewinn

NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Share

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on xing