„Fintech-Frauen“-Serie (XXII)

Hier kommt Lena Justen, langjährige Frontfrau von Fino

10. Dezember 2020

Von Heinz-Roger Dohms

Stimmt schon: In der deutschen Fintech-Branche herrscht ein krasses Männer-Übergewicht. Was aber nicht bedeutet, dass das auf alle Zeiten so bleiben muss. In unserer Serie „Hier kommen die Fintech-Frauen“ stellt Finanz-Szene.de jeden Tag eine spannende Managerin oder eine aufstrebende Mitarbeiterin eines deutschen Finanz-Startups vorstellen. Heute, Teil XXII:

Lena Justen, 32 Jahre

Ich bin:

Eine der wenigen Fintech-Gründerinnen in Deutschland, mit langjähriger Erfahrung und mit weitreichendem Netzwerk in Fintech und E-Commerce. Zudem bin ich ein Beweis dafür, dass man als erfolgreiche Gründerin weder aus Berlin noch aus einer Unternehmerfamilie noch von der WHU oder EBS kommen muss.

Das heißt?

Die letzten fünf Jahre habe ich Fino (eines der wenigen Fintechs, die zeigen, dass Fintech auch profitabel geht) als Mitgründerin, Gesellschafterin und Prokuristin mit aufgebaut: Von einem 1-Produkt-Ansatz (Kontowechselservice) zum breiten Produktportfolio mit den Geschäftsbereichen Fintech, Doctech und Regtech. Die letzten zwei Jahre habe ich meine Gründerinnenrolle ausgebaut und war zusätzlich als Geschäftsführerin für den Aufsatz, Launch und die Skalierung von Finux – einem der Fino-Ventures – verantwortlich. Dabei habe ich nicht nur das Produkt und dessen Wachstum, sondern auch die Außenwahrnehmung und damit die Positionierung von Fino und Finux maßgeblich geprägt.

Infolgedessen wurde ich gebeten, als Co-Host des FinTech Meetups Köln Bonn aufzutreten. Ebenso bin ich als Teilnehmerin der FinTech Ladies sowie Venture Ladies aktiv. Als Speakerin und Mentorin gebe ich mein Wissen in Podcasts, Webinaren und im 1:1 weiter. Zudem prüfe ich momentan meinen nächsten beruflichen Schritt.

Vorher war ich:

Vorher habe ich gelernt, wie eine nicht ausreichend stringente Adaption der Digitalisierung das langjährige – bis dahin erfolgreiche – Geschäftsmodell des Versandhandels torpedierte. Das mit der Insolvenz von neckermann.de Gelernte nahm ich mit in die Beratung von Banken und Versicherungen. So kamen die Verknüpfung zur Fintech-Szene und die Fähigkeit und Energie, Fino zu gestalten.

Wenn ich nicht in der Fintech-Branche gelandet wäre, dann …

Ich bitte um Verständnis, dass es meiner Meinung nach Sinnvolleres gibt als „Hätte-Wäre-Wenn“-Überlegungen, aus denen wir nichts lernen können.

Welche Trends in der Fintech-Branche sind aktuell für besonders relevant?

Das Corona-Virus beflügelt volldigitale Lösungen und damit einige Fintechs. Andere Fintechs gehen derzeit durch ihr härtestes Training, ihre Geschäftsmodelle anzupassen.

Barzahlungen werden in diesem Zuge weniger und so entstehen noch mehr Daten für automatisierte Services. Die PSD2 (oder das was davon übrigbleibt) sowie der Erfolg von Solarisbank und Swan ebnen ebenso wie Open Payment-Lösungen (z.B. waevr.io) den “Jeder-kann-Bank-Services-anbieten”-Weg.

Zuletzt schaute ich mir „The Social Dilemma“ an, sodass ich diesen Daten-Trend und seine möglichen Konsequenzen einmal mehr mit der nötigen Vorsicht beobachte. Umso sinnvoller, dass erste, für meine Begriffe handfeste Blockchain-Nutzungsszenarien (z. B. rund um Self-Sovereign Identity) valide Wege finden.

Zudem beobachte ich aus der Ferne Nachhaltigkeitsthemen wie die Signalwirkung der 3 Mio. Euro Crowdfunding bei Tomorrow oder die Entwicklung des Startups Ecolytiq, das an Transaktionen den ökologischen Fußabdruck anzeigt und somit einen Beitrag zum Bewusstsein leistet.

Es heißt immer wieder, „der Markt ist groß genug“. Trotzdem verfolge ich gespannt, wer sich unter den vielen Lösungsanbietern im Kundensegment der KMUs – insbesondere im Kreditkarten-Umfeld – als Sieger positionieren kann.

Warum arbeiten nicht mehr Frauen in der deutschen Fintech-Branche?

Das System, in dem die Fintech-Branche aufgewachsen ist, haben bisher mehrheitlich Männer gestaltet. Und die meisten Menschen bewegen sich gerne innerhalb der eigenen Komfortzone und umgeben sich – ob bewusst oder unbewusst – mit Gleichgesinnten (Mini-Me-Erfolgsprinzip). Der Wille, divers zu sein, schwindet häufig spätestens dann, wenn die eigene Meinung hinterfragt und das damit fälschlicherweise verbundene Ego sich angegriffen fühlt.

Wenn Deutschland nicht vom Rest der Welt abgehängt werden will, müssen wir endlich die wissenschaftlich belegten und dringend zu nutzenden Chancen der Diversität erkennen, „verdauen” und allseits fördern. Bis das in der Fläche angekommen ist, bewegt sich die weibliche Minderheit heute noch auf einem anstrengenderen nicht selten unmöglichen Karriereweg.

Lasst mich das salopp ausdrücken: Frauen werden oft als “Fremdkörper” wahrgenommen, wenn sie mitreden und mitentscheiden wollen. Fakt ist leider u. a. immer noch, dass sich zu wenige Männer hierzulande den mit Diversität einhergehenden Herausforderungen konsequent stellen.

Was muss sich ändern, damit es in 2-3 Jahren deutlich mehr sein werden als heute?

Es gibt zu viele Personen, die behaupten, Diversität zu fördern, es de facto aber nicht tun. Deshalb brauchen wir die verbindliche Quote für Vorstand und Geschäftsführung.

Zudem beschleunigen starke Initiativen die Anerkennung von Diversität. Tolle Beispiele hierfür sind unter anderem die „#ichwill“-Kampagne für eine Frauenquote, #stayonboard für die temporäre Mandatspausierung, der „FeMale Leadership Podcast“ oder auch die „Masterclass for Women“ von Angela Hornberg. Ebenso bringen uns Tools wie das von AboveBoard voran. Das ist ein US-amerikanisches Startup, das Diversität bei Einstellungen auf Vorstands- und Führungslevel via einer Plattform unterstützt.

Wenn wir uns alle mehr mit den Menschen außerhalb unserer Komfortzone beschäftigen, wird uns das bereichern.

Für die nachhaltigste Änderung halte ich, dass wir als Gesellschaft Abstand von geschlechtsspezifischer Erziehung und Bildung nehmen. Lasst uns Mädchen häufiger den Tipp „Mutig statt perfekt“ mitgeben und sie damit – wie bei Jungen heute schon – für Mut belohnen.

Neben meiner eigenen aktiven Auseinandersetzung mit Diversität unterstütze ich junge Gründer/innen als Mentorin. Ich will, dass sie das heutige System nicht als 1:1-Vorlage sehen, sondern ein diverses Umfeld der Zukunft gestalten.

Diese Fintech-Managerin finde ich inspirierend:

Das sind die Top-100-Frauen in der Finanzbranche, die mich – jede Einzelne in ihrer eigenen Disziplin – inspirieren (alphabetische Reihenfolge):

1. Dr. Kerstin Altendorf
2. Dr. Katharina Barzagar Nazari
3. Carolin Beese
4. Caroline Bell
5. Iris Bethge-Krauß
6. Anne Boden
7. Mashal Bösch
8. Noor van Boven
9. Sarah Brockhoff
10. Christina Cassala
11. Susanne Chishti
12. Karolina Decker
13. Laura Deneke
14. Wiebke Drescher
15. Andrea Dunlop
16. Jennifer Dussileck
17. Julia Fässer
18. Elisa Fischer
19. Sabrina Flunkert
20. Lea Frank
21. Jane Fraser
22. Verena Freyer
23. Carolin Gabor
24. Eva Genzmer
25. Sonja Grave
26. Mirjam Güler
27. Frauke Hegemann
28. Liesa Heidl
29. Beate Hofmann
30. Jessica Holzbach
31. Angela Hornberg
32. Caroline Jenke
33. Cristina Junqueira
34. Christina Kehl
35. Christine Kiefer
36. Kim Klemke
37. Jana Koch
38. Delia König
39. Susanne Krehl
40. Susanne Leiding
41. Johanna Maria Leiner
42. Inna Leontenkova
43. Luise Linden
44. Katharina Lueth
45. Anna Maj
46. Nicole Mantow
47. Neha Mehta
48. Ulrike Moritz
49. Nicole Nitsche
50. Sofia Nunes
51. Yasmin Osman
52. Aysel Osmanoglu
53. Maria Pennanen
54. Laura Pfannemüller
55. Elisabeth Pollner
56. Pavlina Popova
57. Salome Preiswerk
58. Nina Kristin Pütz
59. Martina Raabe
60. Manuela Rabener
61. Solveig Rathenow
62. Elina Räsänen
63. Stella Regna
64. Dr. Daniela Reimann
65. Andrea Rexer
66. Lea Roser
67. Dr. Birte Rothkopf
68. Deborah Ruff
69. Corinna Sander
70. Nicole Schepanek
71. Nicole Scheplitz
72. Juliane Schmitz-Engels
73. Katharina Schneider
74. Friderike Schröder
75. Dr. Lea Schröder
76. Cornelia Schwertner
77. Marie-Louise Seelig
78. Anna Seidl
79. Birte Sewing
80. Olga Shikhantsova
81. Dr. Lea Maria Siering
82. Ekaterina Sirotyuk
83. Natalie Staniewicz
84. Bettina Stark
85. Lena M. Stork
86. Birgit Storz
87. Sibylle Strack
88. Verena Thaler
89. Julia Tschawdarow
90. Maureen Verbraeken
91. Kristina Walcker-Mayer
92. Agnieszka Maria Walorska
93. Alexandra Weck
94. Natascha Wegelin
95. Tabea Weinmann
96. Inka Winter
97. Sabrina Winter
98. Miriam Wohlfarth
99. Leah Marie Zeppos
100. Tanja Müller-Ziegler

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