„Fintech-Frauen“-Serie (XXI)

Hier kommt Bettina Pauck, Chief Operating Officer bei IDNow

20. Oktober 2020

Von Heinz-Roger Dohms

Stimmt schon: In der deutschen Fintech-Branche herrscht ein krasses Männer-Übergewicht. Was aber nicht bedeutet, dass das auf alle Zeiten so bleiben muss. In unserer Serie „Hier kommen die Fintech-Frauen“ stellt Finanz-Szene.de jeden Tag eine spannende Managerin oder eine aufstrebende Mitarbeiterin eines deutschen Finanz-Startups vorstellen. Heute, Teil XXI.:

Bettina Pauck, 46 Jahre

Ich bin:

Chief Operating Officer von IDnow und Mitglied des Management-Teams.

Das heißt?

Ich bin verantwortlich für das Herzstück unseres Unternehmens, die Erbringung der Identifikations-Services. Mein Team übernimmt Identifikationsanfragen von Endkunden, die über einen Videochat abgewickelt werden. Damit sparen sich die Kunden den Weg (und die Zeit) für den langen Prozess über Post-Ident.

Hierfür arbeiten wir intern mit einem Team in München sowie einem neuen Team in Leipzig, das wir gerade von Wirecard übernommen haben. Mein Team umfasst beide Standorte, wir sind natürlich gerade mit der Post-Merger-Integration beschäftigt, um alle Strukturen und Prozesse neu und standortübergreifend zu organisieren und skalierbar zu machen. Außerdem haben wir noch externe Dienstleister, die uns zusätzliche Kapazität und Flexibilität verschaffen; die werden auch von meinem Team gesteuert.

Vorher war ich:

Angefangen habe ich meine Karriere bei Accenture, wo ich als Beraterin für verschieden Großkunden gearbeitet habe. Nach der Geburt meines ersten Sohnes war ich vier Jahre lange in unterschiedlichen Rollen bei Ebay. Dort habe ich das Thema Customer Operations für mich entdeckt und quasi das Handwerk in einem schnell wachsenden und sehr dynamischen Umfeld gelernt. Das war eine sehr intensive und lehrreiche Zeit mit einem Team, das damals schon ganz weit vorne war, was Kundenservice betrifft, und dass den Kunden in das Zentrum der Aktivitäten gestellt hat.

Schließlich habe ich mich als Beraterin mit Schwerpunkt Customer Service selbständig gemacht, um mir unternehmerische Freiräume zu schaffen und auch privat meine zwei Söhne über die intensiven ersten Jahre zu begleiten. Dabei habe ich anspruchsvolle und komplexe nationale und internationale Projekte übernehmen dürfen und extrem viele Firmen und Industrien kennengelernt. Das hilft mir, mich in neuen Umgebungen schnell zu orientieren und Verbesserungspotential zu finden. Außerdem hat es meinen aktuellen Karriereschritt als COO vorbereitet, da ich im Lauf der Zeit immer mehr in Richtung Start-ups/Scale-ups und Fintech unterwegs war mit Projekten unter anderem bei reBuy, BDSwiss oder bei N26.

Wenn ich nicht in der Fintech-Branche gelandet wäre, dann …

… würde ich weiterhin als selbständige Beraterin arbeiten. Das habe ich lange und erfolgreich gemacht mit Schwerpunkt auf allem, was sich um Customer Service und Operations dreht. Letztlich habe ich das nur aufgegeben, weil ich die Aufgabe und das Team von IDnow so reizvoll fand.

Welche Trends in der Fintech-Branche sind aktuell für besonders relevant?

Die ganze Ökonomie muss momentan die Auswirkungen von Covid-19 verdauen; bisher hat das die Fintechs noch nicht in allen Bereichen erreicht bzw. teilweise sogar wirtschaftlich positive Effekte gehabt. Dafür ist IDnow zum Glück ein gutes Beispiel, da die Identfikationsanfragen durch den Trend zu mehr digitalem Zahlungsverkehr deutlich gestiegen sind.

Ich denke, dass uns alle die Auswirkungen durch Insolvenzen, verzögerter Auftragsvergabe und Ähnliches in den nächsten Monaten und Quartalen sehr beschäftigen werden. Neben akuten Umsatzeinbrüchen denke ich da auch an die operativen Konsequenzen, beispielsweise das komplette Versagen vieler Forecasting-Modelle, die für operatives Business essentiell sind für die Ressourcenplanung. Das kann mittelfristig zu überhöhten Kosten führen, die im Zusammenspiel mit reduzierten Umsätzen manchem Unternehmen das Genick brechen werden.

Außerdem sollten wir in Deutschland gespannt sein auf die Auswirkungen des Wirecard-Zusammenbruchs. Hier wird einigen Fintechs ein entscheidender Partner wegbrechen, was eine grundsätzliche Restrukturierung dieser Firmen bedingt. Und wir werden erst mittelfristig sehen, welche Konsequenzen sich von Seiten der Regulatorik dadurch ergeben; das können erst mal verzögerte Freigaben sein aufgrund anderer Fokusthemen beim Regulierer; daraus können sich aber auch neue Regelungen und zusätzliche Hürden für die gesamte Finanzindustrie ergeben.

Und natürlich bewegt die Fintech-Branche insbesondere das Thema AI. Meines Erachtens wurde bisher sehr viel darüber gesprochen, ohne dass es allzu viele wirklich signifikante Anwendungen gab. Ich denke, dass die Effekte in der nächsten Zeit sehr viel deutlicher sichtbar werden und viele positive Entwicklungen bringen werden.

Warum arbeiten nicht mehr Frauen in der deutschen Fintech-Branche?

Das Thema ist vielschichtig. Vieles wurde schon ausführlich besprochen an vielen Stellen von vielen Leuten: Strukturelle Probleme in der Familienförderung, Ehegattensplitting, Mangel an Kinderbetreuung – aber auch Mangel an Selbstbewusstsein von Frauen im Allgemeinen und von jungen Frauen im Speziellen. Gerade in den letzten Jahren meiner Tätigkeit im internationalen Umfeld habe ich verstanden, dass das wirklich deutsche Probleme sind. In anderen Ländern sind Frauen sehr viel präsenter in allen Arten von Führungsebenen und -rollen. Sicherlich bewegt sich hier schon einiges, aber es ist noch ein langer Weg.

Leider sehe ich aktuell einen Trend, der entgegen meinen persönlichen Erwartungen läuft. Da es derzeit leider wenige junge Frauen gibt, die selbstbewusst voranschreiten und in Führungspositionen sichtbar sind, in jungen Unternehmen, beobachte ich vermehrt bei den Startups, dass zunehmend mehr Männer die Führungspositionen besetzen, die wieder weitere Männer nach sich ziehen. Ich hätte nicht erwartet, dass in dem Bereich die „Old Economy“ den Startups voraus ist. Hier gibt es oft schon klarere Spielregeln für die Nachfolgeregelung und Frauenförderung.

Was muss sich ändern, damit es in 2-3 Jahren deutlich mehr sein werden als heute?

  1. Vorbilder – Frauen müssen sehen, was möglich ist. Es hat mir persönlich viel Auftrieb gegeben, als ich (nach langer Suche) erfolgreiche Rollenmodelle gefunden habe, die mir gezeigt haben, dass es eben doch möglich ist, erfolgreich zu sein als Frau auch in Männerwelten und auch mit Kindern.
  2. Selbstbewusstsein – wir Frauen neigen zum Perfektionismus und ziehen uns schnell zurück, wenn wir nicht 120% in eine Rolle passen. Wir müssen davon weg, denn Perfektionismus schadet mehr, als dass er nutzt.
  3. Networking – das habe ich erst relativ spät verstanden. Wir Frauen müssen doppelt netzwerken. Zum einen unter Frauen, die uns fördern und die uns Vorbilder geben; zum anderen aber auch und noch stärker mit Männern. Denn nur Männer können uns in Männerkreisen voranbringen. Das ist nicht ganz einfach, aber manchmal findet man hier sehr gute und offene Kontakte, die einen voranbringen können und das auch tun. Sucht euch die richtigen Kontakte, die gut für euch sind.

Diese Fintech-Managerin finde ich inspirierend:

Da ich noch relativ neu bin im Fintech-Bereich, habe ich bisher meine Vorbilder und Ideengeberinnen aus anderen Bereichen gezogen – und zugegebenermaßen ist mir das erst relativ spät gelungen. Ich habe lange gebraucht, bis ich ein Netzwerk aufbauen konnte mit erfolgreichen Frauen wie Ilka Hartmann, Heike Fölster oder Felicitas von Kyaw, die mich mit ihren diversen Karrieren nicht nur inspiriert haben, sondern teilweise auch sehr konkret unterstützt haben. Das habe ich für mich aufgegriffen und möchte nicht nur sichtbares Rollenmodell sein, sondern bin auch aktiv als Coach/Mentorin für junge Frauen da.

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