„Fintech-Frauen“-Serie (XII)

Hier kommt Miriam Wohlfarth, Gründerin von Ratepay

7. Juni 2020

Von Heinz-Roger Dohms

Stimmt schon: In der deutschen Fintech-Branche herrscht ein krasses Männer-Übergewicht. Was aber nicht bedeutet, dass das auf alle Zeiten so bleiben muss. In unserer Serie „Hier kommen die Fintech-Frauen“ stellt Finanz-Szene.de jeden Tag eine spannende Managerin oder eine aufstrebende Mitarbeiterin eines deutschen Finanz-Startups vorstellen. Heute, Teil XII:

Miriam Wohlfarth, 50 Jahre

Ich bin:

Gründerin und Managing Director von Ratepay

Das heißt?

Bei Ratepay bin ich verantwortlich für die komplette Marktseite: Produkt und Vertrieb, Marketing und PR, Integration und Key Account Management.

Vorher war ich:

Reiseverkehrsfrau im Provinzreisebüro mit abgebrochenem Studium. Später habe ich bei Hapag Lloyd ein Sales-Team geleitet und mich zum ersten Mal mit dem Online-Zahlungsverkehr beschäftigt – die Touristik-Industrie war immerhin eine der ersten „disruptiven“ Branchen. Mein Weg führte mich anschließend zu Bibit Global Payment Services in den Niederlanden. Mein damaliger Chef und Mentor war Pieter van Does, Gründer und CEO von Adyen. Insgesamt war ich acht Jahre bei Bibit, das dann an die RBS verkauft und zu Worldpay wurde. Später wechselte ich zum Zahlungsanbieter Ogone. Durch ein Projekt entstand die Idee zu Ratepay, einem Payment- Anbieter für den deutschen Markt mit all seinen Eigenheiten. Inzwischen ist Ratepay über zehn Jahre alt.

Wenn ich nicht in der Fintech-Branche gelandet wäre, dann …

Wenn die erste Internetblase wirklich geplatzt wäre, würde ich jetzt wahrscheinlich Expeditionsreisen nach Myanmar oder zu anderen wunderschönen Orten in Südostasien durchführen.

Welche Trends in der Fintech-Branche halten sie aktuell für besonders relevant?

Alles rund um KI/Machine Learning. Gerade im Risikomanagement eröffnen sich dadurch ganz neue Chancen, können Prozesse anders skaliert und individueller auf einzelne Kundengruppen zugeschnitten werden. Ein weiterer Trend, bei dem wir gerade erst am Anfang stehen, sind Plattformschnittstellen und Marktplatzmodelle. Jetzt in der Corona-Zeit sind viele spannende Initiativen entstanden, um kleinere Händler mit einfachen Zahlungslösungen schnell an größere Plattformen anzubinden. Ich hoffe, das führt mittelfristig zu mehr Kooperation und Datenaustausch zwischen den einzelnen Akteuren.

Dann ID-Services: Momentan wird die Digitalisierung in vielen Branchen massiv beschleunigt; wir brauchen jetzt dringend eine übergreifende und einfache Lösung, mit der die digitale Identität zweifelsfrei festgestellt werden kann. Die DSGVO bietet eine riesige Chance für Europa, dezentrale Datenstrukturen zu schaffen und auf deren Basis europaweite IDs einzuführen. Diese müssten branchen- und länderübergreifend über standardisierte Schnittstellen zugänglich gemacht werden.

Warum arbeiten nicht mehr Frauen in der deutschen Fintech-Branche?

Zum Glück werden es immer mehr! Als ich in die Branche eingestiegen bin, sah das viel schlimmer aus. Aber klar, Frauen sind immer noch deutlich in der Unterzahl. Die Gründe dafür sind komplex und vielschichtig. Angefangen bei der Ausbildung: Solange in deutschen Schulen und Unis vermittelt wird, dass Technik nichts für Mädchen ist, haben alle Tech-Branchen ein Problem. Hinzu gesellen sich die klassischen Themen wie Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Mentoren und Netzwerke, Gründergeist und Risikobereitschaft.

Was muss sich ändern, damit es in 2-3 Jahren deutlich mehr sein werden als heute?

Bei Ratepay liegt die Frauenquote sowohl im Unternehmen als auch auf Führungsebene bei rund 50 Prozent. Das kommt natürlich nicht von ungefähr, als Arbeitgeber muss man sich wirklich aktiv darum bemühen, Frauen einen Job im Tech-Unternehmen schmackhaft zu machen. Vieles liegt also in der Hand des einzelnen Arbeitgebers; es bringt nichts, auf politische oder gesellschaftliche Initiativen zu warten.

Wir sehen ja, dass es durchaus genügend Frauen „da draußen“ gibt, die für die Arbeit in einem Tech-Unternehmen begeistert werden können. Vielen Frauen ist nicht bewusst, wie viele unterschiedliche und spannende Berufsbilder es in unserer Branche gibt, da muss noch viel mehr Aufklärung stattfinden, auch in den Medien. Nicht jeder Mitarbeiter im Tech-Unternehmen sitzt in einem muffigen Raum und codet vor sich hin. Die Frauen in unserem Unternehmen sind wiederum hervorragende Multiplikatoren: In ihren Freundes- und Bekanntenkreisen spricht es sich herum, wenn ein Arbeitgeber flexible Arbeitszeiten bietet und viele weibliche Kollegen beschäftigt. Das zieht wiederum neue weibliche Bewerber an.

Abgesehen von der Unternehmensebene ist es wichtig, dass Frauen sichtbarer werden in öffentlichen Diskussionen und Veranstaltungen und so eine Vorbildfunktion für andere Frauen erfüllen. Hier sind auch die Männer gefragt, das aktiv zu fordern und sich dafür einzusetzen.

Diese Fintech-Managerin finde ich inspirierend:

Inzwischen ist sie bei Google und nicht mehr im Fintech, aber sehr geprägt hat mich meine damalige Bibit-Kollegin Elsa Berentzen-Ferguson. Sie hat mir vorgelebt, dass es möglich ist, Familie zu haben und trotzdem beruflich etwas gerissen zu bekommen. Mit meinem süddeutsch sozialisierten Kopf dachte ich bis dahin immer, ich müsste mich zwischen Kind und Karriere entscheiden.

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