„Fintech-Frauen“-Serie (XVI)

Hier kommt Salome Preiswerk, Gründerin und CEO von Whitebox

19. August 2020

Von Heinz-Roger Dohms

Stimmt schon: In der deutschen Fintech-Branche herrscht ein krasses Männer-Übergewicht. Was aber nicht bedeutet, dass das auf alle Zeiten so bleiben muss. In unserer Serie „Hier kommen die Fintech-Frauen“ stellt Finanz-Szene.de jeden Tag eine spannende Managerin oder eine aufstrebende Mitarbeiterin eines deutschen Finanz-Startups vorstellen. Heute, Teil XVI:

Salome Preiswerk, 44 Jahre

Ich bin:

Mädchen für alles auf hohem Niveau. Sprich: Gründerin und Geschäftsführerin von Whitebox, einem der führenden digitalen Vermögensverwalter der Republik. Und, wenn ich das im Rahmen dieses Formats erwähnen darf: Wohl eines der wenigen Fintechs (wenn nicht das einzige) mit einer weiblichen Doppelspitze.

Das heißt?

Ich kümmere mich um die Weiterentwicklung und Umsetzung unserer Wachstumsstrategie – sowie darum, die dafür notwendigen personellen und finanziellen Ressourcen bereitzustellen. Bei Whitebox bin ich eher die Außenministerin, während meine Geschäftspartnerin die Innenministerin ist. Daneben entwickle ich unser „Baby“ – unser Produkt- und Service-Angebot – weiter. Und dann sind da noch ein paar Hüte, etwa Regulatorisches oder Datenschutz, die ich eher widerwillig trage und die ich gerne abgeben würde. Daran arbeite ich noch. Meine Aufgaben sind auf jeden Fall sehr vielfältig. Doch das sagt mir als Generalistin zu.

Vorher war ich:

Ebenfalls Generalistin: Unternehmensberaterin für Banken, als man als Berater noch Generalist sein durfte. Entsprechend habe ich Banken in ganz unterschiedlichen Bereichen beraten – von Ertrags- bis Effizienzthemen war da (fast) alles dabei. Um diese Erfahrung bin ich sehr froh, weil der Auf- und Ausbau von Whitebox in vielerlei Hinsicht nichts anderes ist als ein sehr langes, umfangreiches „Projekt“. Studiert habe ich Jura, jedoch keinen einzigen Tag praktiziert – mal abgesehen davon, dass man den „Rechts- und Compliance-Hut“ als Juristin wohl nie ganz abstreifen kann.

Wenn ich nicht in der Fintech-Branche gelandet wäre, dann …

…wäre ich vielleicht Architektin geworden. Doch bei meinen Grundvoraussetzungen in Sachen Statik wäre die Schönheit meiner Häuser vergänglich gewesen. Zudem bin ich wohl die bessere Kritikerin denn Gestalterin. Auf jeden Fall wäre ich Unternehmerin geworden. Das war irgendwie schon immer in mir angelegt. Damals sehr zur „Sorge“ meiner Eltern, weil meine frühkindlichen Geschäftsmodelle – sagen wir wohlwollend – noch etwas unausgegoren waren.

Welche Trends in der Fintech-Branche sind aktuell für besonders relevant?

Das ist eine sehr vielschichtige Frage. Ich gehe es mal andersherum an und nenne zwei „Trends“, die sich nicht so schnell etablieren werden, wie gemeinhin angenommen: Zum einen das Thema „Künstliche Intelligenz“. Sicher: In einigen Teilbereichen übernimmt die KI auch heute schon gewisse Aufgaben. Bis KI allerdings flächendeckend zur gelebten Realität wird, wird noch einige Zeit vergehen. Es wird zu viel Schindluder mit dem KI-Begriff getrieben: Längst nicht jeder Algorithmus ist auch KI – aber es verkauft sich halt besser so.

Zum anderen die „globale Eroberung“ der Fintechs. Ich gehe davon aus, dass diese auch weiterhin langsamer voranschreitet als erwartet. Denn auch wenn eine Expansion auf den ersten Blick ebenso naheliegt wie verlockend scheint: Die länderspezifischen Aufsichtsregeln, Kundenerwartungen und sonstigen Herausforderungen sind alles andere als trivial.

Warum arbeiten nicht mehr Frauen in der deutschen Fintech-Branche?

Wenig überraschend: Die Trias von „Fin“, „Tech“ und Unternehmertum. Frauen sind bereits in jeder dieser Disziplinen untervertreten. Wie soll es da bei der Kombination besser werden? Zudem ist es in unserem Metier nicht nur sinnvoll, sondern sogar erforderlich, mit Wissens- und Erfahrungsschatz zu gründen, weil die Bafin einen sonst als Geschäftsführer eines regulierten Finanzdienstleisters nicht zulässt. Ergo: Ich muss mindestens im Bereich „Fin“ – etwa bei einer Bank – bereits „Karriere gemacht“ haben. Und da sind wir bei der altbekannten Leier von gläsernen Decken, die bisweilen die Dicke von Panzerglas erreichen. Auch wenn ich selbst kaum je Ungleichbehandlung erfahren habe, kann ich verstehen, wenn Frauen irgendwann die Lust verlieren. Denn insbesondere in der (Groß-)Bankenwelt kann Männlichkeit auch in systemischem Sinne „toxisch“ sein.

Was muss sich ändern, damit es in 2-3 Jahren deutlich mehr sein werden als heute?

Dafür müssten die Grundvoraussetzungen bereits heute angelegt sein: Mehr junge Frauen wählen technische Ausbildungen, mehr Frauen machen Karriere bei Banken – und kommen auch ganz oben an –, die Investorenwelt hat keinen Geschlechter-Bias mehr usw. Auch wenn gerade vieles in die richtige Richtung geht, ist es aus meiner Sicht eher ein Marathon als ein Sprint. Denn es gibt nicht die eine Maßnahme, es braucht einen bunten Strauß. Dabei sind Sichtbarkeit, Vorbilder und Netzwerke auf jeden Fall zentral. Und es ist wichtig, dass sich nicht nur die selbständigen Kommunikations- und Lebensberaterinnen vernetzen, sondern auch die Vorständinnen, Aufsichtsrätinnen und Unternehmerinnen.

Und manchmal denke ich – obwohl ich mich politisch nicht zum linken Rand zähle –, dass die Politik noch deutlicher machen sollte, dass das Geschlecht im Berufsleben keine Rolle spielen darf. Dass etwa nach nordischem Vorbild die Vereinbarkeit von Familie und Beruf kein Frauen-, sondern gleichsam ein Frauen- und Männer-Thema ist.

Diese Fintech-Managerin finde ich inspirierend:

Da möchte ich keine besonders hervorheben, auch wenn es viele gibt, die ich persönlich sehr schätze. Inspirierend ist, dass es auch im zweiten und dritten Glied immer mehr coole und fähige Frauen gibt, die ihren Weg gehen – einige davon wurden ja auch in diesem Format hier porträtiert. Sie sind unaufgeregt und gestalten ihre berufliche Zukunft selbstbewusst, aber auch mit einer guten Portion Selbstverständlichkeit. Und gerade Letzteres ist wichtig: Damit Selbstverständliches wirklich endlich selbstverständlich wird.

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