Exklusiv

Die riesigen Fundings der Payment-Hoffnung Unzer

3. Februar 2022

Von Heinz-Roger Dohms

Die noch junge, aber intensive Geschichte der deutschen Payment-Hoffnung Unzer ist eingehend nachgezeichnet worden – u.a. hier bei uns. Wie 2019 der legendäre US-Finanzinvestor KKR bei dem damals noch Heidelpay genannten Unternehmen einstieg (hier). Wie aus dem einstigen Mittelständler durch nicht weniger als 16 Übernahmen ein breit aufgestellter Konzern wurde (hier). Wie das Management nach der Wirecard-Pleite in einem Münchner Restaurant namens “Der Biermann” eine Jobbörse für ehemalige Wirecard-Beschäftigte eröffnete (hier). Wie die Firma von zweifelhaften Verbindungen aus der Vergangenheit eingeholt wurde (hier). Und wie KKR die Geschäftsführung schließlich mit einer Armada früherer Klarna-Manager besetzte (hier).

Was bei alldem indes stets ein bisschen diffus blieb: Wie groß ist das Rad, das da in Heidelberg gedreht wird, eigentlich wirklich? Wie viel Geld hat KKR in das Unternehmen gesteckt, wie viele Transaktionen laufen über die Systeme, wie viel Umsatz springt dabei heraus? Oder anders gefragt: Wo sortiert sich Unzer ein, wenn man das Unternehmen mit heimischen Platzhirsche wie Payone oder VR Payment, mit europäischen Marktgrößen wie Nexi oder Wordline und mit Fintech-Wundern wie Adyen vergleicht?

Recherchen von Finanz-Szene liefern nun erstmals einen detaillierten quantitativen Einblick in das “Projekt Unzer”. Wobei einem bei manchen Zahlen schwindlig wird. Bitte sehr:

1.) Wie viel Geld hat KKR bislang in das “Projekt Unzer” gesteckt?

Alles in allem dürfte in den vergangenen Jahren ein hoher dreistelliger Millionenbetrag in das “Projekt Unzer” geflossen sein.

Konkret:

  • Die Mitte 2020 erstkonsolidierte neue Holding-Gesellschaft von Unzer wies per Ende jenes Jahres eine Kapitalrücklage von 452 Mio. Euro aus. Diese Angabe deckt sich fast auf den Euro genau mit dem Finanzvermögen einer von KKR aufgesetzten kuxemburgischen Trägergesellschaft ebenfalls per ultimo 2020
  • Im luxemburgischen Handelsregister finden sich Hinweise auf weitere Kapitalerhöhungen im Juni und August 2021. Hieraus lässt sich schließen, dass der US-Finanzinvestor bis Spätsommer letzten Jahres alles in allem bereits rund 515 Mio. Euro Eigenkapital in den deutschen Zahlungsdienstleister gepumpt haben dürfte
  • Im 2020er-Abschluss der Unzer-Holding ist darüber hinaus von “sonstigen Verbindlichkeiten mit einer Restlaufzeit von mehr als einem Jahr” in Höhe von gut 282 Mio. Euro die Rede. Hierbei handelt es sich um ein auf fünf Jahre angelegtes Darlehen, das von einer im britischen Handelsregister auffindbaren Treuhandgesellschaft namens “Lucid Agency and Trustee Services Ltd.” stammt. In wessen Auftrag die Treuhandgesellschaft das Geld zur Verfügung stellte, ließ sich für uns (wobei wir auch nur eine begrenzte Zeit aufgewandt haben) nicht recherchieren. Würde dieses Kapital ebenfalls von KKR stammen, müsste es im Holding-Abschluss allerdings als Verbindlichkeit “gegenüber verbundenen Unternehmen” bzw. als Gesellschafterdarlehen klassifiziert werden. Das ist nicht der Fall. Mithin würden wir mal vermuten, dass Fremdkapital von dritter Seite im Spiel ist.

Alles in allem scheinen also mindestens (die Angaben reichen ja nur bis Ende 2020 bzw. August 2021) rund 800 Mio. Euro geflossen sein. Zur groben Orientierung: Das ist zwar weniger Geld, als Risikokapitalinvestoren über die zurückliegenden Jahre in N26 gesteckt haben – aber mehr Geld, als anderen hochgewetteten deutschen Fintech-Unicorns wie Trade Republic, Wefox oder SumUp zur Verfügung stand/steht.

Wobei wir als Disclaimer hinzufügen müssen: Die im 2020er-Abschluss aufgeführten Mittel wurden zumindest teilweise für den Kauf einer Holding aufgewandt, hinter der KKR nach unserem Verständnis bereits stand (nämlich infolge des ursprünglichen Einstiegs bei Heidelpay). Darum sind wir nicht ganz sicher, ob die Amerikaner nicht über diese Transaktionen womöglich schon ein bisschen eigenes Geld vom Tisch genommen haben könnten.

Äußern wollte sich KKR auf unsere Anfrage hin nicht, ebensowenig wie Unzer.


2.) Wie viel Geschäft hat Unzer 2020 gemacht?

Der Holding-Abschluss weist für 2020 Umsatzerlöse in Höhe von gerade einmal 66 Mio. Euro aus. Dabei allerdings handelt es sich lediglich um die seit der Erstkonsolidierung (also seit Juni) erzielten Erträge. Für das Gesamtjahr finden sich keine Angaben. Nach Informationen von Finanz-Szene.de sollen es rund 125 Mio. Euro gewesen sein. Zum Vergleich: Die Payone GmbH, also der gemeinsame Payment Service Provider von Worldline und den deutschen Sparkassen, kam 2020 auf Provisionserträge in Höhe von 409 Mio. Euro; bei der VR Payment (also dem zur DZ Bank gehörenden Geno-PSP) waren es 96 Mio. Euro.

Auffällig ist, dass sich durch Unzers Zukäufe zwar die Angebotspalette erweitert hat, der regionale Fokus allerdings zumindest bis 2020 (Hinweis: 2021 folgten noch zwei Zukäufen in Dänemark) der gleiche blieb. So sieht die regionale Umsatzverteilung wie folgt aus …

Deutschland 84%
Österreich 5%
Restliche EU 9%
Schweiz 1%
Rest <1%

… während die Umsatzverteilung bezogen auf die Segmente so daherkommt:

E-Commerce 50%
Inkasso 19%
Point of Sale 31%

Sprich: Aus dem deutschen E-Commerce-Zahlungsabwickler Heidelpay ist der deutsche Omnichannel-Zahlungsabwickler Unzer geworden.


3.) Wie viel Geschäft hat Unzer 2021 gemacht?

Laut des Prognoseberichts im 2020er-Abschluss wurden für das Folgejahr Umsatzerlöse in Höhe von 162 Mio. Euro erwartet. Im Markt heißt es, dieser Wert dürfte sogar übertroffen worden sein. Damit ergibt sich einschließlich des 2019er-Werts (den wir im Abschluss einer weiteren Holding gefunden haben, die inzwischen gar nicht mehr existiert) folgende Entwicklung:

  • 2019: rd. 88 Mio. Euro Umsatzerlöse
  • 2020: grob 125 Mio. Euro Umsatzerlöse
  • 2021: >162 Mio. Euro Umsatzerlöse

Die Wachstumskurve ist also alles in allem steil, wobei nicht ersichtlich ist, wie viel von dem Wachstum organisch ist und wie viel aus den zugekauften Unternehmen stammt. Wie gut Unzer also wirklich vorankommt, lässt sich schwer sagen.

Vielleicht an der Stelle noch mal eine Einordnung: Das vielleicht passendste Vergleichsunternehmen in Europa, nämlich Adyen, kam 2020 auf “Nettoumsätze” von 684 Mio. Euro. Das ist natürlich noch mal eine andere Liga. Aber es ist gleichwohl nicht so, als wären die beiden Unternehmen in komplett unterschiedlichen Spähren unterwegs (auch hier ein Disclaimer: Bei der Adyen-Kennziffer ist nach unserem Verständnis schon der Materialaufwand berücksichtigt, anders als bei der Unzer-Kennziffer. Damit dürfe der Abstand also ein Stück größer sein, als er es ohnehin schon ist).


4.) Wieviel Firepower ist für mögliche weitere Zukäufe vorhanden?

Auch bei dieser Frage geraten wir – unbefriedigenderweise – ein bisschen ins schwimmen.

Also: Auf Holding-Ebene scheint der Fall zunächst einmal klar. Den enormen Finanzmitteln, die in die Firma geflossen sind, stand per Ende 2020 eine Cashposition von gerade mal 85 Mio. Euro gegenüber. Ungleich größer kam eine andere Aktivposition daher, nämlich der “Geschäfts- und Firmenwert” in Höhe von 615 Mio. Euro. Dabei handelt es sich quasi um den Goodwill, den KKR den bis Ende 2020 übernommenen Firmen (einschließlich der ursprünglichen Heidelpay, wenn wir es richtig verstehen) zubilligt. Sprich: Viel Goodwill, wenig Kasse. Also auch nicht mehr wirklich viel Firepower.

Was dazu unserer laienhaften Ansicht nach nicht ganz passt: Auch die größte Unzer-Gesellschaft unterhalb der Holding, nämlich die Unzer Group GmbH, hat einen Abschluss für 2020 veröffentlicht. Dort finden sich nun Finanzanlagen in Höhe von 311 Mio. Euro, was uns insofern erstaunte, als sich diese Finanzanlagen nicht im Konzernabschluss widerspiegeln (zumindest nicht als “Finanzanlagen”).

Im Anhang des Unzer-Group-Abschlusses finden sich zu den “Finanzanlagen” nun folgende Erläuterungen:

  • Beteiligungen zu Anschaffungskosten
  • Anteile an verbundenen Unternehmen zu Anschaffungskosten

Auf die Gefahr hin, dass die Wirtschaftsprüfer und sonstigen Bilanzexperten unter unseren Lesern jetzt die Hände überm Kopf zusammenschlagen: Drei der tendenziell größeren M&A-Deals (Lavego, Clearhaus, Quickpay …) wurden den Zahlenwerken zufolge zwar allesamt erst 2021 vollzogen, könnten aber (die Announcements waren allesamt um den Jahreswechsel herum) schon 2020 “gesignt” worden sein. Kann es möglicherweise sein, dass quasi die Mittel für diese Transaktionen im Abschluss der Unzer Group GmbH noch unter “Finanzanlagen” geführt werden, im Konzernabschluss aber schon die Firmenwerte als Goodwill erfasst wurden?

Wir wissen es nicht. Aber die Frage war ja eigentlich eh eine andere: Wie viel Firepower ist noch da? Antwort: Von den rund 800 Mio. Euro dürfte der überwiegende Teil in irgendeiner Form schon eingesetzt worden sein. Wobei Finanzinvestoren wie KKR bei Unternehmen, die ihnen komplett gehören, ja im Bedarfsfall jederzeit nachschießen können. Wie man hört, sind die Amerikaner dazu bereit.

Mirko Hüllemann über … seine 16 M&A-Deals in drei Jahren

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