Research

Girocard, Maestro – und was noch? Die Karten-Strategien von 30 deutschen Retailbanken

29. Oktober 2020

Von Christian Kirchner

Haben auch Sie den Eindruck, dass in puncto „Karte“ wahnsinnig viel los ist da draußen? Bei der OLB drängt Mastercard mit seiner „Debit“ den Rivalen Visa raus und würde selbiges am liebsten auch mit der Girocard tun (siehe hier). Die ING spielt mit dem Gedanken, ihren Kunden echte Charge-Cards anzubieten (siehe hier). Bei Consors wird die Girocard infrage gestellt (siehe hier) – während die HVB klammheimlich V-Pay abschafft (siehe hier). Und nicht zu vergessen: die Sparkassen, die ihre Girocard mit einem Mastercard-Debit-Co-Badge ausstatten und damit allem Anschein nach Maestro überflüssig machen wollen (siehe hier).

Also wie gesagt: Wahnsinnig viel Bewegung – so scheint es zumindest. Doch ist da draußen wirklich die große Karten-Revolution im Gange? Oder sind das alles eher Ausnahmen, die die Regel bestätigen? Und heißt diese Regel womöglich immer noch: Girocard, Maestro – und was noch? Wir wollten es genau wissen. Und haben uns darum die Kartenangebote 30 ausgewählter deutscher Retailbanken ganz genau angesehen, von der Coba bis N26, von der Haspa bis zur Sparda West, von der Frankfurter Voba bis zur C24 Bank.

Die ausführliche Liste der 30 Institute finden Sie ganz unten in der Fußnote *. Und noch ein methodischer Hinweis: Da die meisten Banken drei Kontomodelle anbieten, haben wir uns, um eine gewisse Vergleichbarkeit zu gewährleisten, wo immer möglich das mittlere Modell angeschaut.

Hier die wichtigsten Erkenntnisse unserer Auswertung:

1.) Die Girocard ist noch lange, lange nicht tot …

Nur vier der von uns betrachteten 30 Institute verzichten in ihrem Standard-Modell gänzlich auf die Ausgabe einer Girocard (oder einer Karte mit Girocard-Funktionalität). Es dürfte nicht überraschen, dass es sich dabei um die Neobanken N26, Revolut, Vivid Money und C24 handelt.

Interessant fanden wir, dass die (früher ganz selbstverständlich kostenlose) Ausgabe der Girocard inzwischen bei einigen Banken zum Ertragslieferanten mutiert – und zwar auch bei großen und kundenstarken Instiuten. Die HVB ruft in ihrem „Aktivkonto“ 5 Euro jährlich für die Girocard auf, die BB Bank 11,95 Euro, die Sparda West 20 Euro (!). Und das, obwohl für die entsprechenden Kontomodelle bereits per se Gebühren erhoben werden – und die Banken natürlich via Interchange am Einsatz der Girocard verdienen.

2.) … und die Maestro auch nicht

Der „Maestro“-Dienst von Mastercard kommt in der Regel im Huckepack der Girocard – und ermöglicht es den Kunden (anders als mit der reinen Girocard), weltweit an Maestro-Geldautomaten kostenlos Geld abzuheben. Ist dieses Modell ein Auslaufmodell? Noch jedenfalls nicht. Bei 21 der 30 betrachteten Kontoanbieter wird die Girocard-Maestro-Kombi weiterhin angeboten. Und wo’s keine Girocard-Maestro-Kombi gibt, wird in der Regel eine Girocard in Verbindung mit V-Pay von Visa angeboten. Es ist also mitnichten so, dass Maestro und V-Pay zwischen den jüngeren Debit-Angeboten von Mastercard bzw. Visa zerrieben werden …

3.) Die „Debits“ kommen

… wobei das nicht heißt, dass die Debitkarten von Visa und Mastercard nicht auf dem Vormarsch wären: Mehr als ein Drittel (!) der größten/wichtigsten Banken (genauer: 12) hat bereits eine solche Debitkarte im Angebot oder nutzt sie sogar als faktische Standardkarte (C24, Vivid, N26).

Bemerkenswert: Die Debitkarten kommen auch bei Instituten in die Palette, die eigentlich für ihre klassischen „Doppel“ aus Girocard und klassischer Kreditkarte bekannt sind, etwa bei der Commerzbank. Die Sparkasse Köln-Bonn und die Frankfurter Volksbank arbeiten derweil mit einer Prepaid-Variante, letztere fürstlich vergütet mit 30 Euro Jahresgebühr.

4.) Visa und Mastercard liegen Kopf an Kopf (und kämpfen mit harten Bandagen)

Deutschlandweit sind Visa und der langjährige klare Marktführer Mastercard inzwischen nahezu gleichauf in der Verbreitung als Kreditkarte. Per Ende 2019 (Daten via kreditkarte.net) kamen auf rund 17,1 Mio. Visa-Karten etwa 17,5 Mio.  Mastercards. Ein Blick auf „unsere“ 30 Banken zeigt: In 17 Fällen ist die Mastercard inkludiert (zumindest optional), in 18 Fällen eine Visa.

Was ins Auge fällt, das ist die immense Spreizung bei den Gebühren:

  • Bei der Sparda Baden-Württemberg, der BW Bank, der Sparkasse Köln/Bonn oder der Targobank ist eine „echte“ Kreditkarte (Charge-Card) in der Kontoführung inkludiert
  • Bei mehreren Sparkassen (Frankfurt, München) und Genobanken (ein Beispiel: die Berliner Volksbank) sind dafür (rund) 30 Euro im Jahr fällig
  • „Spitzenreiter“ sind, was die Gebühren angeht, die Commerzbank (39,90 Euro/Jahr) und die Sparda West (40 Euro/Jahr)
  • Bei der Consorsbank ist eine Visa-Debit ohne Aufpreis enthalten – dafür kostet aber eine „Charge Card“ 60 Euro.

Und ebenfalls interessant:

  • Etliche Banken lassen ihre Kunden frei entscheiden, welche Kreditkarte sie bevorzugen
  • Die Apobank wiederum gibt die beiden Karten gleich standardmäßig im Doppel aus.
  • 13 Institute zählten wir, die offenbar einen Exklusivitätsdeal entweder mit Visa oder mit Mastercard abgeschlossen haben
  • Manche Banken zeigen über den Preis an, für welche Karten ihre Kunden sich entscheiden sollen. Beispiel: Bei der HVB kostet die Mastercard 15 Euro, die Visa aber 30. Bei der Santander ist die Visakarte inkludiert im Modell „123 Giro“. Dagegen werden für eine Mastercard, wenngleich mit Zusatzpaketen, 48 Euro fällig.

5.) Es gibt nicht „das“ Erfolgsrezept

Die ING Diba und N26 zählen in puncto Kundengewinnung zu den erfolgreichsten Banken hierzulande gehören – udn das beide ohne klassische Kreditkarten im Portfolio. Die Standard-Kreditkarte der ING ist eine Debitkarte (auch wenn es Indizien für einen Strategiewechsel gibt), und auch bei N26 bekommt der Kunde bis hinauf zum „Metal“-Konto lediglich eine Debitkarte.

Diese Strategie scheint Nachahmer zu finden (C24, Revolut, Vivid Money, Openbank, viele nicht mit untersuchte Fintechs fallen ebenfalls darunter), woraus sich der Schluss ziehen lässt: Kreditkarten können lukrativ sein, nicht nur aufgrund der höheren Interchange-Fee. Aber nicht alle trauen sich zu, die entsprechenden Risiken zu managen.


* Die Grundgesamtheit:

1822direkt
Apobank
BB Bank
Berliner Volksbank
BW Bank
Check24 Bank
Comdirect
Commerzbank
Consorsbank
Degussa Bank
Deutsche Bank
DKB
Frankfurter Sparkasse
Frankfurter Volksbank
Haspa
HVB
ING
Kreissparkasse Köln
N26
Norisbank
OLB
Postbank
Revolut
Santander
Sparda BaWü
Sparda West
Sparkasse Köln/Bonn
Stadtsparkasse München
Targobank
Vivid Money

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