Eigener Investor versagt Deposit Solutions den Unicorn-Status

Von Thomas Borgwerth und Heinz-Roger Dohms

Einer der wichtigsten eigenen Investoren bewertet das angebliche deutsche Fintech-Unicorn Deposit Solutions nicht mit 1 Mrd. Euro oder sogar noch höher – sondern lediglich mit 420 Mio. Euro. Das zeigen Recherchen von Finanz-Szene.de. Bei dem Gesellschafter handelt es sich um Kinnevik, einen schwedischen Risikokapital-Spezialisten, der hierzulande als Großinvestor von Zalando und Rocket Internet bekannt wurde. Die 420-Mio.-Euro-Angabe findet sich zum einen im Q3-Bericht von Kinnevik (Link). Zum anderen wurde die Bewertung im entsprechenden Analysten-Call (von dem wir einen Audio-Mitschnitt erhielten) auf explizite Nachfrage eines Teilnehmers hin bestätigt.

Der Recherchefund steht im Widerspruch zu jüngsten Meldungen, wonach Deposit Solutions als zweites deutsches Fintech nach N26 den begehrten „Einhorn“-Status erlangt haben soll – also auf einen Unternehmenswert im Milliardenbereich kommt. Zur Erinnerung: Mitte September war die Deutsche Bank bei der 2011 gegründeten Tagesgeld-Plattform eingestiegen. Ein weiterer Gesellschafter, nämlich der börsennotierte Frankfurter VC-Investor Finlab, hatte daraufhin in einer Ad-hoc-Mitteilung vermeldet, Deposit Solutions werde „im Rahmen der Gesamttransaktion mit über 1 Mrd. Euro bewertet“. Zwar bestätigten weder die Deutsche Bank noch das Hamburger Fintech diese Taxierung offiziell. In Finanzkreisen wurde allerdings darauf hingewiesen, die Bewertung sei korrekt.

Tatsächlich ist der Fall vertrackt. Nach Informationen von Finanz-Szene.de investierte die Deutsche Bank zwischen 20 Mio. und 25 Mio. Euro in Deposit Solutions (genauer wissen wir es leider nicht). Wie sich mittlerweile dem Handelsregister entnehmen lässt, erhielt die Frankfurter Großbank im Zuge der Transaktion ziemlich genau 5% der Anteile. Damit wäre die Sache auf den ersten Blick klar: Wenn 5% zwischen 20 Mio. und 25 Mio. Euro wert wären, dann läge die Gesamtbewertung zwischen 400 Mio. und 500 Mio. Euro.

Nun ist es aber so, dass die 20 Mio. bis 25 Mio. Euro angeblich für nur 2% der Anteile bezahlt wurden. Die restlichen 3% (so wird es in Finanzkreisen dargestellt) soll sich die Deutsche Bank sozusagen im Nachhinein „verdienen“ – zum Beispiel, indem sie das B2B-Tool von Deposit Solutions (das die Deutsche Bank unter dem Namen „Zinsmarkt“ bereits seinen Retailkunden anbietet) auf die Postbank und die eigene Vermögensverwaltung auswalzt. Faktisch haben wir es also mit so etwas wie einer (teilweisen) Sachkapitalerhöhung zu tun. Dieser Begriff allerdings taucht im Handelsregister im Zusammenhang mit der September-Transaktion nicht auf. Stattdessen ist in Bezug auf die kompletten rund 5% ganz normal von einer „Kapitalerhöhung“ die Rede.

Jedenfalls: Wie Kinnevik (die Schweden halten gut 6% an Deposit) die Dinge beurteilt, ist nun dem Quartalsbericht zu entnehmen. Dort heißt es wörtlich auf Seite 12:

„The fair value of Kinnevik’s 6 percent shareholding in Deposit Solutions amounts to SEK 290m, based on a total value of Deposit Solution’s fully diluted equity of EUR 420m. The valuation is based on forward-looking revenue multiples of a peer group of software-as-a-service, software licensing, and financial technology companies.“

Nun könnte man argumentieren, Kinnevik taxiere sein Investment ja gar nicht auf Basis von Finanzierungsrunden, sondern auf Basis künftiger Umsätze („The valuation is based on forward-looking revenue multiples …“). Allerdings heißt es zum Bewertungs-Ansatz der Schweden an anderer Stelle des Q3-Reports:

„Kinnevik’s unlisted financial assets are valued using IFRS 13 and the International Private Equity and Venture Capital Valuation Guidelines, where a collective assessment is made to establish the valuation methods and points of reference that are most suitable to triangulate the fair value of each individual asset. While a valuation in a recent transaction is not applied as a valuation method as such, it typically provides an important point of reference and basis for the valuation of the asset in question, especially as it pertains to Kinnevik’s younger investee companies where traditional valuation techniques are less applicable.“

Das heißt (zumindest unserer Interpretation nach):

  • Kinnevik stützt sich auf den Rechnungslegungs-Standards IFRS 13
  • Bei IFRS 13 geht es um die „Fair-Value Bewertung“ (zu deutsch: Bewertung zum beizulegenden Zeitwert)
  • Der beizulegende Zeitwert ist der Preis, den ein Marktteilnehmer zum Bewertungs-Stichtag für den Vermögens-Gegenstand zahlen würde
  • Und diesen Marktteilnehmer gibt es Falle von Deposit Solutions (nämlich die Deutsche Bank …). Und ebenso gibt es die „kürzlich vollzogene Transaktion“ (nämlich den Einstieg der Deutschen Bank) und damit auch den „wichtigen Referenzpunkt“.

Warum sich Kinnevik der Unicorn-Bewertung dann trotzdem nicht anschließt? Uns gegenüber wollten die Skandinavier keine Stellung nehmen, verwiesen aber auf die Aussagen im Analysten-Call. Hier hatte sich ein Kinnevik-Manager wie folgt geäußert:

  • Die Bewertung bei der jüngsten Finanzierungsrunde habe von bestimmten „Milestones“ abgehangen
  • Man habe hier „eigene Analysen vorgenommen “ und sei bei der Taxierung „lieber auf der konservativen Seite“
  • Ja, es gebe „Mitteilungen andere Investoren“ (damit dürfte Finlab gemeint sein), die bei der Einschätzung besagter „Milestones“ eine andere Sicht der Dinge hätten
  • Man selber werde die Bewertung anheben (im Originalton: „ring up the valuation“), wenn die „Milestones“ erreicht würden.

Was die „Milestones“ sind und wie weit Kinnevik die Bewertung gegebenenfalls erhöht, wird in dem Analysten-Call nicht thematisiert.

Interessant in diesem Zusammenhang: Finanz-Szene.de liegt ein ausländischer Registerauszug vor, der zeigt, welchen Wert ein anderer prominenter Deposit-Solutions-Investor dem Hamburger Fintech im Dezember 2018 beimaß – nämlich Vitruvian. Demnach zahlte die Vitruvian zuzurechnende „Globally Connected Holding“ seinerzeit für 454 Anteile an der Deposit Solutions GmbH exakt 1.998.730,46 Euro. Hieraus ergab sich ein Preis pro Anteil von 4.402,49 Euro – was bei damals 81.612 Anteilen eine Bewertung von 359,3 Mio. Euro zur Folge hatte.

Nun mag sein, dass es bei „Secondaries“ (also die Übernahme von Anteilen anderer Gesellschafter) im Vergleich zu „Primaries“ (also ein Investment direkt ins Unternehmen) einen kleinen Abschlag gibt. Doch selbst wenn man auf die 359,3 Mio. Euro noch 10-15% draufpackt, landet man lediglich bei rund 400 Mio. Euro.

Damit ergibt sich für die vergangenen Monate folgende Bewertungshistorie:

  • Vitruvian bewertete Deposit vor einem Dreivierteljahr mit 360 Mio. bis 400 Mio. Euro
  • Kinnevik bewertete Deposit per Q1 2019 mit „näherungsweise“ 400 Mio. Euro (diese Info findet sich im entsprechenden Q1-Report)
  • Kinnevik bewertete Deposit per Q2 2019 mit „näherungsweise“ 394 Mio. Euro (diese Info findet sich im entsprechenden Q2-Report)
  • Finlab nannte für Deposit am 18. September 2019 eine Bewertung von „über 1 Mrd. Euro“
  • Kinnevik bewertete Deposit per 30. September 2019 mit besagten 420 Mio. Euro (Q3-Report).

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Was aus den 40 Mio. Euro aus dem Savedroid-ICO wurde

Von Thomas Borgwerth

Wir hatten Sie vorgewarnt – und nun machen wir unsere Drohung wahr: Dem gestrigen dritten Teil unserer „Savedroid-Saga“ lassen wir heute auch noch den vierten und hoffentlich letzten folgen. Weil: Unsere gestrige News (also, dass Savedroid im kompletten Geschäftsjahr 2018 lediglich Provisionserträge in Höhe von 65,42 Euro erzielt hat) war zwar aus journalistischer Sicht ganz nett …

… viel wichtiger allerdings (gerade aus Sicht der angeblich rund 35.000 Anleger) ist die Frage, was denn mit den angeblichen 40 Mio. Euro passiert ist, die Savedroid im vergangenen Jahr bei seinem Krypto-Börsengang angeblich eingenommen hat. Was also hat der 2018-Jahresabschluss über diese 40 Mio. Euro (und die Frage ihrer Existenz) zu sagen? Voilà:

Der ICO

Über ein Initial Coin Offering (ICO) hatte Savedroid im Frühjahr 2018 von rund 35.000 Anlegern rund 40 Mio. Euro eingenommen. So stand es jedenfalls in allen für die Startup-Branche relevanten Medien (etwa hier) zu lesen. Auf explizite Nachfrage von Finanz-Szene.de betonte Gründer Yassin Hankir Ende Juni 2018 nochmals, dass der Savedroid-Token von rund 35.000 Käufern gezeichnet worden sei.

Die Bilanzierung des ICOs (I)

In der Tat:  Im Lagebericht zum 2018er Abschluss findet sich eine Auflistung, die auf ein Bruttovolumen des ICOs in Höhe von rund 40 Mio. Euro schließen läst … (Angaben in Mio. Euro)

Bareinnahmen 6,1
Krypto-Währungseinnahmen 11,1
Token-Swaps 15,9
Freiausgabe von SVD 0,8
Ausgabe gegen Dienstleistungen 3,5
Referral-Programm 0,7
Sonstige Fremdleistungen 1,6
Bruttovolumen 39,7

Wie zur Bestätigung schließt der ICO-Abschnitt mit folgender Bemerkung: „Mit den Einnahmen des ICO kann Savedroid den langfristigen Geschäftsaufbau sicherstellen und konnte bereits einige wichtige strategische Entscheidungen umsetzen.“

Die Bilanzierung des ICOs (II)

Bei Einnahmen in Höhe von rund 40 Mio. Euro sollte die Kasse zum Jahresende eigentlich prall gefüllt gewesen sein. Indes, hier wartet der Jahresabschluss plötzlich mit einer faustdicken Überraschung auf.  Die Summe aller Aktiva belief sich zum 31- Dezember 2018 gerade einmal auf 7,5 Mio. Euro, als Barreserven waren sogar nur 3,8 Mio. Euro vorhanden. Wie ist das möglich, wenn doch der Krypto-Börsengang 40 Mio. Euro Einnahmen in das Unternehmen gespült haben soll?

Einen ersten Hinweis, dass die Tabelle im Lagebereicht vielleicht „interpretationsfähig“ ist, liefert eine Fußnote: „Token-Swaps wurden nicht bilanziell in 2018 berücksichtigt“, steht da. Mit anderen Worten: Von den 39,7 Mio. Euro Einnahmen wurden 15,9 Mio. Euro (als rund 40%) bei der Bilanzierung weggelassen. Hä? Warum das denn?

In einem separaten Abschnitt mit der lapidaren Überschrift „Nicht in der Bilanz erscheinende Geschäfte“ werden nun Token-Swap-Vereinbarungen mit fünf Token-Swap-Partnern aufgelistet. Der Wert dieser Geschäfte soll sich auf besagte 15,9 Mio. Euro summieren. Indes: Irgendwie scheinen die Vereinbarungen, salopp formuliert, nicht richtig zustande gekommen zu sein. Denn sonst hätten sie ja bilanziert werden müssen. Oder?

Auf Anfrage von Finanz-Szene.de nimmt Savedroid-Gründer Yassin Hankir zu diesem Komplex wie folgt Stellung:

„Richtig ist, dass nur ein Teil des Bruttovolumens bilanziell in 2018 berücksichtigt wurde und dass Token-Swaps nicht bilanziell in 2018 berücksichtigt wurden.“  […] „Bitte vergleichen Sie hierzu im Anhang des Jahresabschlusses 2018 den Abschnitt ‚Nicht in der Bilanz erscheinende Geschäfte‘, dort werden alle relevanten Details erläutert.“

Die übrigen Erlöse aus dem ICO

Wie steht es nun um die übrigen Einnahmen aus dem Token-Verkauf? Hier unsere Interpretationen:

  • Freiausgaben von SVD (also Savedroid-Token) in Höhe von 0,8 Mio. Euro)? Klingt nicht so, als wäre hier Cash in die Kasse von Savedroid geflossen.
  • Ausgaben gegen Dienstleistungen in Höhe von 3,5 Mio. Euro? Mmmmhhh …
  • Ein Referral-Programm in Höhe von 0,7 Mio. Euro. Klingt so, als wären hiermit die Gratis-Token gemeint, die Fintech-Influencer erhielten, die für den ICO trommelten. Spricht: auch kein Cash.
  • Sonstige Dienstleistungen in Höhe 1,6 Mio. Euro? Siehe das „Mmmmhhh“ weiter oben …

Damit verbleiben unserer Interpretation zufolge:

  • die Einnahmen gegen Bar in Höhe 6,1 Mio. Euro (hier scheint es sich um echtes Geld zu handeln) …
  • und die Einnahmen gegen Krypto-Währungen in Höhe von 11,1 Mio. Euro (also nicht ganz so echtes Geld, dass sich auf irgendwelchen Krypto-Börsen allerdings gegen echtes Geld tauschen lassen müsste).

Auch hierzu haben wir Savedroid konfrontiert. Unsere Frage lautete:

„Was vom Brutto-Volumen des ICOs ist wirlklich als ‚Cash‘ in der Kasse gelandet?“

Hierauf antwortete Hankir:

„Diejenigen Positionen des Bruttovolumens, die bilanziell in 2018 berücksichtigt wurden.“

Mit anderen Worten: Hankir widerspricht unserer Interpretation, wonach „Freiausgaben“, „Dienstleistungen“,  „Referral-Programm“ und „Sonstige Dienstleistungen“ kein „Cash“ in die Kasse gespült haben. Wir nehmen das so zur Kenntnis.

Umso bemerkenswerter, dass Ende 2018 nur noch besagte 3,8 Mio. Euro in der Kasse waren. Zumal eine Kapitalerhöhung zusätzliche Barmittel in Höhe von 1,5 Mio. Euro hereingespült hatte.

Die Gewinn- und Verlustrechnung

In der Gewinn- und Verlust-Rechnung verbirgt sich nun ein selbst für den gewieften Bilanzleser kaum zu entschlüsselndes Mysterium in Höhe von 15,9 Mio. Euro – wobei diese 15,9 Mio. Euro übrigens mit den Token-Swap-Vereinbarungen in Höhe von 15,9 Mio. Euro nichts zu tun haben. Zufälle gibt’s …

Jedenfalls: Diese 15,9 Mio. Euro finden sich in der Zeile „sonstige betriebliche Erträge“. Im Anhang heißt es hierzu: „Ertrag aus der Übertragung von Verbindlichkeiten und Rückstellungen an die Savedroid FL GmbH, als Saldo aus dem Abgang von Verbindlichkeiten/Rückstellungen und dem Zugang der zugehörigen Verbindlichkeiten, EUR 15.954.277,35.“ Bei der Savedroid FL GmbH handelt es sich übrigens um die neu gegründete Liechtensteiner Tochtergesellschaft, über die savedroid zukünftig das Geschäft mit Kryptowährungen abwickeln will.

Da sich unter den sonstigen Verbindlichkeiten zum 31. Dezember 2018 tatsächlich eine Schuld gegenüber der savedroid FL GmbH in Höhe von 4,3 Mio. Euro findet, lassen sich folgende Buchungen hieraus ableiten: Savedroid hatte vor der Übertragung Verbindlichkeiten und Rückstellungen in Höhe von 15,9 (bzw. korrekt gerundet: 16,0) Mio Euro plus 4,3 Mio. Euro macht 20,3 Mio. Euro in den Büchern stehen.

Diese 20,3 Mio. Euro wurden gegen eine neue, sehr viel niedrigere Verbindlichkeit gegenüber der neu gegründeten Tochter Savedroid FL ausgebucht und der nicht mehr existierende Anteil der Schuld als Ertrag in die GuV geschrieben. Da wir mit diesen Buchungen völlig überfordert waren, haben wir Savedroid auch hierzu befragt…

Die Bitte an Hankir, ob er hier für ein bisschen Aufklärung sorgen könne, mündete in der Antwort:

„Bitte vergleichen Sie hierzu auch Kapitel 2.3.1 Absatz 1 des Lageberichts im hinterlegten Jahresabschluss 2018.“

Nun denn.

Das operative Geschäft

Abseits des ICO’s: Was macht Savedroid eigentlich noch mal? Und wie läuft es operativ? Ach, stimmt, das hatten wir Ihnen ja gestern im dritten Teil unserer Savedroid-Saga ja schon erzählt, brauchen’s heute also nicht nochmal zu tun …

Der Token

Der Wert des Savedoid-Token (SVD) wird auf Etherscan aktuell mit einem Wert von 0,2 Milli-Dollar (0,0002 USD) angegeben.

Der Wirtschaftsprüfer

Geprüft und testiert wurde der Abschluss von einem mit allen akademischen Weihen (Prof. Dr.) ausgezeichnetem Wirtschaftsprüfer der Prüfungsgesellschaft Rödl & Partner.

Wir gehen hoffnungsvoll davon aus, dass dieser Herr selbstverständlich all das verstanden hat, was wir nicht verstanden haben.

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Donner & Reuschel: Die Bank mit dem 56-Mio.-Euro-Haus

Von Christian Kirchner und Thomas Borgwerth

Wenn Sie sich in diesen Tagen inmitten einer der unvermeidlichen Small Talks urbaner Immobilienspekulanten und Hobbyökonomen befinden, hier ein Tipp: „Ich sag‘ nur: München!“ reicht völlig aus, um kompetent rüberzukommen. Sie müssen eigentlich gar nichts anders sagen, stochern Sie in Ihrem Essen, nippen Sie am Glas und werfen Sie ab und zu kopfschüttelnd ein: „Ich sag nur: München!“ Das passt immer. Ist schließlich die Hauptstadt des Immobilienwahnsinns.

Wie Sie das finden, hängt natürlich davon ab, auf welcher Seite des Markts Sie stehen: Mieter oder  Vermieter bzw. Besitzer. Wobei Sie es natürlich am besten so machen wie die Hamburger Privatbank Donner & Reuschel.

Die steht nämlich sozusagen auf beiden Seiten des Marktes – und profitiert doppelt. Laut Recherchen von Finanz-Szene.de hat die Tochter der Signal Iduna Versicherung im vergangenen Jahr vor allem dank einer Forcierung des Baufi-Geschäfts mal eben ihr Kreditvolumen um 16% steigern können. Damit wachsen die Hanseaten im Kreditgeschäft dreimal so schnell wie der ja ohnehin schon kräftig wachsende Kredit-Gesamtmarkt in Deutschland. Das allerdings ist noch nicht die Geschichte, die wir Ihnen erzählen wollen.

Die Geschichte nämlich kommt hier:

Auch wenn Donner & Reuschel offiziell in Hamburg sitzt, die Bank nennt qua Historie ein vierstöckiges, denkmalgeschütztes, 1903 erbautes Jugendstil-Mehrfamilienhaus in München ihr Eigen. Genauer: in der Friedrichstraße 18. Es handelt sich um den weiter genutzten Sitz des ehemaligen, 2009 in der Donner-Bank aufgegangenen, eigentlich Münchner Bankhauses Reuschel. Jedenfalls: Dieser Sitz erreichte samt Grundstück bis Ende 2017 einen Wert von schon damals stattlichen 35 Mio. Euro. Nun gut: Schwabing, vier Stockwerke, Toplage unweit des Leopoldparks, ein Schmuckstück – das kostet eben.

Dann jedoch kam quasi über Nacht der Immobilienboom wie ein Wunder auch über die Bilanz der 1798 gegründeten Traditionsbank. Und siehe da: Plötzlich kamen Haus und Grund in München auf einen Wert von 56 Mio. Euro!

Das jedenfalls ergibt sich nach Recherchen von Finanz-Szene.de aus den „Zugängen zu Grundstücken und Gebäuden“  im Anlagespiegel des kürzlich veröffentlichten 2018er-Abschlusses. Eine Wertsteigerung von mal eben 60%. Die Bank gibt auf Nachfrage die Quadratmeterzahl der Bürofläche mit „circa 3.500“ an – woraus sich ein Quadratmeterpreis von 16.000 Euro errechnet.

Ermöglicht wurde diese Wertsteigerung durch die Beendigung einer komplizierten Eigentümerstruktur, bei der eine hundertprozentige Tochter der Donner & Reuschel AG, die zuvor gehaltene Treuhandschaft für einen 0,1-prozentigen Anteil an der Besitzgesellschaft des Gebäudes aufgegeben hatte. Daraufhin konnte Donner & Reuschel die Immobilie in die eigenen Bücher nehmen und machten von dem handelsrechtlichen Wahlrecht Gebrauch, das Gebäude neu zu bewerten. Der gesellschaftsrechtliche Spezialbegriff einer solchen Übertragung nennt sich „Anwachsung“.

Dass diese 21 Mio. Euro wertsteigernde Anwachsung ausgerechnet ins Bilanzjahr 2018 fiel, traf sich derweil gut. Denn: Jenseits der Immobiliennummer liefen die Dinge bei Donner & Reuschel streng operativ betrachtet auch nicht anders als bei den anderen Privatbanken – sprich: eher suboptimal. Beim Zins- und Provisionsüberschuss ging es zusammen genommen  kaum vorwärts (+1% zum Vorjahr), beim Aufwand (+4% zum Vorjahr) hingegen schon, obwohl man doch laufend Stellen abbaut (-7%). Entsprechend die Lage …

in Mio. Euro 2018 2017  +/- %
Geschäftsvolumen 4620 4305 7%
Zinsüberschuss 50 47 6%
Provisionsüberschuss 55 57 -3%
Verwaltungsaufwand 95 91 4%
Teilbetriebsergebnis 11 13 -18%
Ergebnis Handelsbestand 0 0,1
Bewertungsergebnis -3,7 -5,5 -33%
Ergebnis vor Steuern 2,5 4,7 -47%
Jahresüberschuss 2,1 3,7 -43%
Mitarbeiter 518 558 -7%

Der 21 Mio. Euro schwere „Zuwachs“ aus der Schwabinger Immobilie fällt in dieser Tabelle nicht ins Auge. Was daran lag, dass mit diesem Geld gewissermaßen ein Abgang zu kompensieren war. Denn: Wie aus dem Jahresabschluss hervorgeht, fiel 2018 beim Ergebnis aus den Wertpapier- und Finanzanlagen ein Minus von luftigen 23 Mio. Euro an. Upps! Wörtlich heißt es:

„Das Geschäftsjahr war geprägt durch hohe Abschreibungen bei den Investmentvermögen, die nur durch den Einmaleffekt aus dem Realisierungsgewinn aus der Anwachsung der Tochtergesellschaft Donner  & Reuschel Grundstücksgesellschaft F18 AG & Co. KG in Höhe von 20,7 Mio. Euro kompensiert werden konnten.“

Anders gesagt: Ohne den Buchgewinn aus der Immobilie (realisiert ist der Gewinn nach unserer Auffassung ja noch nicht), wäre das 2018er-Ergebnis (Tatsächlich: 2 Mio. Euro Überschuss) in Regionen gewandert, in denen keine Bank ihr Ergebnis haben will. Schon gar keine der alteingesessenen Privatbanken mit ihren manchmal etwas sensiblen Kunden.

Jahresüberschuss Donner & Reuschel in Mio. Euro

Quelle: Geschäftsberichte

Dass bei diesem Manöver dann auch der Wirtschaftsprüfer ins Schwitzen kam, ist dem Jahresabschluss ebenfalls zu entnehmen: Aufgrund „der bestehenden Schätzunsicherheiten bei der Verkehrswertermittlung des Objekts“ stellte der Sachverhalt einen besonderen Schwerpunkt der Prüfung dar.

Donner & Reuschel teilt dazu mit: „Der Gebäude- und Grundstückswert wurde aufgrund der Marktentwicklung innerhalb der letzten Jahre basierend auf den Werten des Gutachterausschusses der Landeshauptstadt München aktualisiert.“ Und: „Es handelt sich um eine hochwertig sanierte Immobilie, für die eine sehr hohe und bereits häufig an uns herangetragene Nachfrage besteht.“

München eben.

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